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A.I.D.S

Die amerikanische Aids-Epidemie wurde zum ersten Mal 1981 beobachtet, als man bei fünf homosexuellen Männern in Los Angeles eine mysteriöse und tiefgreifende Immunschwäche feststellte, die opportunistischen Infektionen Vorschub leistete (das sind Infektionen durch Mikroorganismen, die normalerweise harmlos sind, aber gefährlich werden, wenn das Immunsystem geschwächt ist.) 1984 wurde als Ursache für Aids der humane Immunschwächevirus (HIV. Human immunodeficiency virus) erkannt. Bislang sind mehr als 311’000 AmerikanerInnen an der Krankheit gestorben. Fast zwei Millionen Menschen sind mit dem Virus infiziert. Eine halbe Million ist vermutlich bereits erkrankt. Die Ausbreitung von Aids unter Homosexuellen hat sich zwar verlangsamt. Aber das Infektionsreservoir ist ganz allgemein so gross, dass die Zahl der Fälle mit Sicherheit wieder anwachsen wird. Inzwischen sind Frauen und Kinder genauso betroffen wie heterosexuelle und homosexuelle Männer. Am schnellsten verbreitert sich die Krankheit unter den farbigen und lateinamerikanischen Fixern und ihren Sexualpartnern.
Die Inkubationszeit (die Zeitspanne zwischen Infektion und Auftreten der ersten Symptome) ist unterschiedlich lang, beträgt aber im Durchschnitt zwischen acht und zehn Jahren. Offenbar werden fast alle infizierten Personen letztendlich krank. Eine Therapie ist nicht bekannt. Opportunistische Infektionen und Neoplasmen (Krebswachstum) können auf die übliche Art behandelt werden, und das Virus selbst kann man mit antiviralen Mitteln bekämpfen, von denen Azathioprin (AZT) am besten bekannt ist. Leider unterdrückt AZT die Bildung roter Blutkörperchen im Knochenmark, senkt die Zahl der weissen Blutkörperchen und hat viele schädliche Auswirkungen auf den Verdauungstrackt. Manchmal verursacht es schwere Übelkeit und erhöht damit bei Patienten, die aufgrund der Krankheit ohnehin schon am Übelkeit und Gewichtsverlust leiden, noch die Gefahr der Auszehrung.
Für Aids-Patienten ist es besonders wichtig, bei Appetit zu bleiben und das Körpergewicht zu halten, weil sie sonst unter Umständen sehr schnell abmagern. Zudem ist guter Appetit ein Stück Lebensqualität. Wer schon einmal Hanf als Genussmittel genommen hat, weiss um dessen appetitanregende Wirkung. Es macht nicht nur hungrig, sondern erhöht auch den Genuss beim Essen und am Geschmack der Speisen. Diese Wirkung ist durch verschiedene Experimente nachgewiesen worden. So wurde 1971 eine Studie durchgeführt, in deren Verlauf vier Probandengruppen nach einer zwölfstündigen Fastenphase jeweils Hanfextrakt, Alkohol, Dextroamphetamin oder eine Placebogabe verabreicht wurden. Von Zeit zu Zeit gab es Milchshakes, und die Probanden wurden gebeten, zu sagen, wie hungrig sie sich fühlten und wie ihnen die angebotene Nahrung schmeckte. Die Hanfgruppe fühlte sich hungriger und ass mehr. Die Dextroamphetamingruppe fühlte sich weniger hungrig und ass weniger. Die Wirkung des Alkohols war zu vernachlässigen.
In einer späteren Studie wurden auf der Forschungsstation eines Krankenhauses Körpergewicht und Kalorienzufuhr von 27 Hanfkonsumenten über 21 Tage mit dem entsprechenden Werten einer zehnköpfigen Kontrollgruppe verglichen. Die Hanfraucher assen im Vergleich zur Kontrollgruppe mehr und nahmen an Gewicht zu. Als sie Hanf absetzten, ging ihre Nahrungsaufnahme prompt zurück. Eine Studie des Jahres 1986 zeigte ebenfalls die appetitanregende Wirkung von Hanfkraut: hier rauchten neun Probanden zunächst täglich zwischen zwei und drei Placebozigaretten. Anschliessend erhielten sie Hanfzigaretten mit einem durchschnittlichen Wirkstoffgehalt. Ihre Nahrungsaufnahme stieg daraufhin signifikant an, und zwar weniger durch umfangreichere Mahlzeiten als vielmehr durch mehr kleinere Zwischenmahlzeiten.
Das Aids-bedingte Abmagerungssyndrom ist eine häufige und oft tödlich verlaufende Begleiterscheinung der HIV-Infektion. Es ist als Verlust von mindestens 10 Prozent des Körpergewichts aus nicht erklärbaren Ursachen definiert. Die FDA hat zur Behandlung dieses Syndroms lediglich zwei Medikamente zugelassen. Megace® (Megasterolacetat) ist ein Hormonpräparat, das häufig zur Regulation des Menstruationszyklus, zur Behandlung von Endometriose (einer Erkrankung der Gebärmutterschleimhaut) und zur Appetitanregung eingesetzt wird. Bei Aids-Patienten zeigt es nur eine mässige Wirkung und hat ausserdem - vor allem nach längerem Gebrauch - eine Reihe schwerer Nebenwirkungen.
Das andere zugelassene Medikament ist Marinol® (Dronabinol). In der ersten Studie liess sich bei 70 Prozent der mit Dronabinol behandelten Patienten eine Gewichtszunahme feststellen. Eine Folgestudie überprüfte diese Wirkung anhand von 139 Patienten mit aids-bedingter Appetitlosigkeit und einem Gewichtsverlust von mehr als fünf Pfund. Die Patienten wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe erhielt über einen Zeitraum von sechs Wochen zweimal täglich ein Placebo, die andere eine entsprechende Gabe Dronabinol. Bei der Dronabinol-Gruppe liess sich allgemein eine Abnahme der Übelkeit und eine Anregung des Appetits beobachten. Im Durchschnitt hielten die Patienten dieser Gruppe ihr Gewicht; 22 Prozent nahmen fünf Pfund oder mehr zu. Die Patienten der Kontrollgruppe verloren im Durchschnitt ein Pfund Gewicht. Nur zehn Prozent nahmen fünf oder mehr Pfund zu. Die beobachteten Nebenwirkungen des Medikaments wurden als leicht beschrieben, und die Forscher kamen zu dem Schluß, dass Dronabinol eine sichere und wirksame Therapie der mit Gewichtsverlust einhergehenden Appetitlosigkeit bei Aids-Patienten sei. Allerdings empfinden viele Patienten die Nebenwirkungen von Dronabinol als unangenehm (die erste Studie verzeichnete eine Aussteigerquote von 20 Prozent). Die meisten ziehen es vor, Hanf zu rauchen, sofern er zugänglich ist.
Aber nicht nur als Mittel gegen Übelkeit, Erbrechen und Gewichtsverlust, sondern auch zur Behandlung weiterer Aids-Symptome gewinnt Hanf zunehmend an Bedeutung. Darauf weist auch der Bericht des 33jährigen Ron Mason hin:

Am 19. Oktober 1983 stellte ich fest, dass ich Hepatitis B hatte. Mir war schon seit einiger Zeit eine ganzseitige Anzeige in der Schwulenzeitschrift Gay Chicago aufgefallen, aber ich hatte sie nicht näher beachtet, weil sie zu deprimierend aussah (es war das Bild eines Mannes im Krankenhausbett, der intravenös ernährt wurde). Als ich sie schliesslich las, stellte ich fest, dass es sich um einen offenen Brief der Liver Foundation in New Jersey an die schwule Bevölkerung handelte. Er besagte, dass zwei Drittel aller homosexuellen Männer sich irgendwann mit oder ohne Wissen eine Hepatitis B zuzögen (das war vor Safer Sex). Fünfzig Prozent der Menschen, die mit dem Virus infiziert sind, entwickeln Symptome, manche leicht, andere schwer. Neunzig Prozent bilden nach einer Infektion Antikörper und sind dann nicht länger gefährdet; zehn Prozent werden zu Trägern; zwei Prozent sterben. In der Anzeige stand, eine Impfung wäre möglich. Also bat ich bei meinem nächsten Besuch in der Schwulen-Klinik für Geschlechtskrankheiten um eine Untersuchung auf Antikörper. Es stellte sich heraus, dass ich selbst die Infektion hatte. Zum Impfen war es zu spät. Nun wusste ich, warum mir oft so schlecht war, warum ich mich so unruhig fühlte und so schnell müde wurde. Ich hatte kaum Appetit, aber der Arzt sagte, ich müsste essen. Da ich eine Leberkrankheit hatte, trank ich natürlich keinen Alkohol mehr (ich hatte sowieso nie viel getrunken) und begann nun, mehr Hanf zu rauchen. Ich stellte fest, dass mein Appetit nach dem Rauchen sehr gross wurde. Ich rauchte täglich und nahm schnell zu. Zwei Jahre später hatte ich immer noch keine Antikörper gebildet und wurde offiziell als Hepatitisträger eingestuft.
Den 23. Dezember 1986 werde ich nie vergessen. An diesem Tag machte ich den HIV Test und stellte fest, dass ich den Virus hatte. Die grossen, rötlichen Flecken auf meinen Beinen, so sollte ich erfahren, stammten aus inneren Blutungen, die durch die HIV-Infektion verursacht wurden. HIV war auch die Ursache meiner schweren Schuppenflechte. Im April 1984 wurde mir von Ärzten eine Schwulen-Klinik für Geschlechtskrankheiten empfohlen, die später als die Aids-Klinik in Chicago bekannt werden sollte. Ich suchte die Ärzte dort sieben Jahre lang auf und nahm 40 Pfund zu. Ich hatte mein Normalgewicht wieder erreicht. Die Ärzte wussten, dass ich Hanf rauchte, und verboten es nicht, drängten mich allerdings zu mässigem Gebrauch. Aufgrund meiner Anämie kann ich AZT nicht vertragen. Alle anderen antiviralen Medikamente schädigen meine Hepatitis infizierte Leber.
Vor drei Jahren erzählte mir einer meiner Ärzte, dass ich zu der Handvoll Leute gehöre, die schon seit etlichen Jahren zur Klinik kommen und noch nicht tot oder schwer krank sind. Die Ärzte wissen nicht warum. Ich schreibe diesen Erfolg teilweise der Tatsache zu, dass ich Hanf rauche. Das gibt mir das Gefühl, mit Aids zu leben, und nicht bloss zu existieren. Mein Appetit kehrt zurück, und wenn ich gegessen habe, ist mir nicht schlecht. Hanf verbessert meinen Bewusstseinszustand, und ich fühle mich körperlich besser.
Ich bin an allergischen Reaktionen auf Compound Q, einem Extrakt der wilden chinesischen Kürbiswurzel, das infizierte Immunzellen zerstört, zwei Mal fast gestorben. Compound Q ist illegal, aber die Regierung schaut weg. Warum kann sie bei Hanf nicht das gleiche tun? Beide Substanzen sind illegal, und beide werden zur Behandlung von Aids-Patienten benutzt. Bei der einen bekommst du Schwierigkeiten, bei der anderen nicht. Das ist doch ein Witz!
Im Frühling 1990 wurde ich in Chicago wegen Hanfbesitz verhaftet, und mein Auto wurde beschlagnahmt. Ich habe damit nicht nur meine Arznei verloren, sondern kann jetzt auch nur noch schwer zur Aids-Klinik auf der anderen Seite der Stadt gelangen. Mein Appetit ist nicht mehr so wie früher; ich habe vierzehn Pfund abgenommen, werde schneller müde und bin manchmal so müde, dass ich das Gefühl habe, richtig krank zu werden. Jetzt nehme ich Prozac® (Fluoxetin, ein Antidepressivum). Das hat mir hier ein Vorstadtarzt verschrieben, der offenbar so gut wie nichts über Aids oder Hepatitis B weiss. Ich bin sehr deprimiert und habe schon oft an Selbstmord gedacht.
Um die Gerichtskosten für zwei Prozesse zu zahlen, musste ich mein Konto um dreitausend Dollar überziehen. Eine strafrechtliche Verurteilung ist abgewiesen worden, und ich versuche jetzt in einem Zivilprozess mein Auto zurückzubekommen, damit ich wieder zur Aids-Klinik fahren kann. Mein Anwalt meint, das ich damit durchaus Erfolg haben kann. Aber wenn mir das auch gelingt, wie kann ich die Übelkeit lindern, meinen Appetit anregen und mich dabei wieder besser fühlen? Ich habe Marinol® ausprobiert, es hatte keine Wirkung. Was soll ich tun? Nichts? Wenn ich nur gesund bleiben kann, indem ich Hanf rauche und mich nur dann gut genug fühle, um zu essen - warum lässt man mich das nicht tun? Ich wünschte, die Regierung würde nicht so heuchlerisch sein und mich das tun lassen, was ich tun muss, um für den Rest meiner Tage so angenehm wie möglich zu leben.

Dr. Z., ein Arzt mit Aids, begann etwa zwei Jahre vor Abfassung des folgenden Berichts mit AZT-Therapie. Der Verfall seines Immunsystems konnte zwar bald verlangsamt werden, dafür aber litt Dr.Z. nun an starker Übelkeit und Durchfall (bis zu zwölf Stuhlgänge am Tag). Der behandelnde Arzt verschrieb Promethazin und Prochlorperazin gegen die Übelkeit; gegen den Durchfall und die Überaktivität des Verdauungstraktes verordnete er Kaolin, Diphenoxylat mit Atropin, Loperamid und Ranitidin. Keines dieser Medikamente führte zu einer angemessenen Besserung. Schliesslich fand Dr,Z. heraus, das Hanf - in geringen Mengen geraucht und über den Tag verteilt - die Übelkeit vollständig verschwinden liess und die Darmtätigkeit auf zwei, drei Stuhlgänge pro Tag reduzierte, ohne dass er zusätzliche Medikamente einnehmen musste. Zudem wirkte Hanf der starken Müdigkeit entgegen, die zuvor sein Leben eingeschränkt hatte. Hier sein Bericht:

Aufgrund der wütenden Hysterie, von der die USA im Hinblick auf Aids und den Drogenkrieg infiziert sind, möchte ich lieber anonym bleiben. Ich bin Arzt, leide unter Aids und bin davon überzeugt, dass Hanf das beste Einzelmedikament ist, mit dem sich viele der im Zusammenhang mit Aids auftretenden Beschwerden lindern lassen. Einige Informationen vorab werden diese Diskussion ins rechte Licht rücken. Wie viele andere experimentierte ich zuerst im College mit Hanf. Ich genoss die Erfahrung, aber das medizinische Vorstudium am angesehenen Ivy League College liess mir wenig Raum für solchen Zeitvertrieb. Insgesamt rauchte ich in meiner Zeit auf dem College wahrscheinlich weniger als ein Dutzend Mal. Medizinstudium, Assistenzjahre und meine Niederlassung als Arzt folgten, ohne dass ich während dieser Zeit nochmals Hanf geraucht hätte. Dann eröffnete ich eine Praxis in der kleinen Stadt, in der ich heute noch lebe, auch wenn ich inzwischen nicht mehr als Mediziner arbeite.
Vor etwa zwei Jahren wurde bei mir Aids diagnostiziert. Zu meinen Symptomen zählten Müdigkeit, Kopfschmerzen, schwere Beinkrämpfe, Übelkeit und gelegentlich Schweissausbrüche. AZT verbesserte keines der Symptome und machte die Übelkeit sogar noch schlimmer. Aber es verlangsamte immerhin das Fortschreiten der Krankheit. Gegen meine Beschwerden stand mir ein Medizinschrank voller Barbiturate und Betäubungsmittel zur Verfügung - allesamt starke, legale Drogen der Kategorie II. Diese Medikamente halfen mir zwar, machten mich aber oft nur noch müder und lethargischer. Die Pillen, die ich gegen meine Beinschmerzen nahm, führten dazu, dass mein Verdauungstrakt sich zu einem einzigen Knoten verkrampfte. Dies machte zusammen mit der durch AZT hervorgerufenen Übelkeit eine weitere Pille notwendig, Antiemetikum. Ein Leben in mitten von Pillen, Schmerzen und Übelkeit machte es mir schwer, einem neuen Tag mit Optimismus entgegenzusehen.
Aber ich "lebte" so weiter, bis mich Freunde, die ich seit längerer Zeit nicht gesehen hatte, zu einem Fest einluden. Eigentlich hatte ich keine grosse Lust, da ich wie üblich unter pochenden Kopfschmerzen und Beinkrämpfen litt, aber ich spürte auch, dass ich Gesellschaft brauchte. Irgend jemand zog etwas Gras aus der Tasche - und bald hatte ich keine Kopfschmerzen mehr und spürte auch die Beinkrämpfe kaum noch. Ich konnte es nicht glauben - schmerzfrei ohne die Nebenwirkung der Narkotika. Eigentlich fühlte ich mich besser als jemals, seit mir die Diagnose gestellt worden war. Und glauben Sie: Ich befand mich dabei keineswegs in einem halbkomatösen Zustand. Ich war nicht entspannter als nach ein paar gesellschaftlich akzeptierten Martinis. Ich fragte mich, ob meine Entdeckung eine reale Basis hatte, und sprach mit anderen aids-positiven Menschen über Hanf. Praktisch einstimmig sagten sie, es würde ihnen helfen. Leider wollten die meisten (mich eingeschlossen) angesichts der gegenwärtigen US-Politik keinen Prozess und die damit verbundene Blosstellung riskieren. Es ist tragisch genug, mit der Diagnose Aids zu leben, aber dieses Problem noch durch eine Vorstrafe zu komplizieren, wäre unerträglich. Also müssen wir weiterhin starke, suchterregende Narkotika und Barbiturate der Klasse II benutzen, während uns ein illegales Medikament viel eher Linderung verschaffen würde.
Vor kurzem habe ich Amsterdam besucht, eine Stadt, in der das Marihuanarauchen geduldet wird. Es ist strenggenommen nicht legal, aber es wird nicht als Verbrechen bestraft. Glauben sie mir, ich fühlte mich, als wäre ich von Aids geheilt. Normalerweise muss ich acht bis zwölf Tabletten pro Tag schlucken. Dort nahm ich fast gar keine. Ich rauchte immer, wenn ich das Bedürfnis dazu hatte, meist dann, wenn mir schlecht wurde oder wenn ich Beinkrämpfe oder Kopfschmerzen bekam - zwei oder drei Zigaretten am Tag. Ich war oft fast den ganzen Tag symptomfrei und musste mich nicht darum sorgen, eingesperrt zu werden. Ich konnte mich wie ein eigenverantwortlicher Erwachsener benehmen und zu meiner Heildroge greifen, wann immer ich die Notwendigkeit dazu spürte - ganz so, wie ich zu Hause meine Pillen schluckte. Ich fühlte mich wirklich lebendig - eine Seltenheit, wenn man an Aids leidet. Leider war die Heilung nur von kurzer Dauer. Nach meiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten musste ich wieder auf die legalen Schmerzmittel und Antiemetika umsteigen.
Dass ich zugleich Arzt und HIV-Patient bin, ist ein zwiespältiger Segen. Ich habe viele Menschen leiden und sterben sehen, und mir ist klar, das mich vermutlich das gleiche Schicksal erwartet. Aber ich weiss auch, dass wir mit Marihuana ein Medikament haben, das zumindest einen Teil des Leidens lindern und das Leben von Aidskranken produktiver machen kann. Aber es darf in diesem unseren so freundlichen und grosszügigen Amerika nicht verschrieben werden. Das ist wirklich skrupellos. Bei dem Ausmass, mit dem die Epidemie um sich greift, werden wir irgendwann alle jemanden kennen, der von HIV betroffen ist oder sein wird. Sind wir eine so erbarmungslose Gesellschaft, dass wir den Drogenkrieg dieser Regierung weiter zulassen und die Betroffenen zwingen, entweder zu Kriminellen zu werden oder unnötig zu leiden?

Weil Hanf illegal ist, beschloss Dr. Z., sich um ein Rezept für Dronabinol (Marinol®) zu bemühen. Er suchte seinen Hausarzt auf, der wenig über Dronabinol wusste und aus Angst vor "Sucht" und möglicher "Euphorie" zögerte, es zu verschreiben. Schliesslich verordnete er ihm 5mg pro Tag - die Hälfte der von einem Vertreter der Herstellerfirma empfohlenen Dosis. Es hat zehn Jahre gedauert, bis die Öffentlichkeit erkannt hat, wie kritisch die HIV-Epidemie ist. Offenbar muss es noch einmal zehn Jahre dauern, bis die Ärzteschaft die gebotenen Behandlungsmöglichkeiten anerkennen wird.
Dr. Z. wandte sich an vier Apotheken, bevor er eine fand, die bereit war, ihm gegen sein Rezept Marinol® auszuhändigen. Nach fünf Tagen Wartezeit erhielt er die verschriebene Dosis. Ein fünftägiger Versuch erwies sich als vergeblich. Dann erhöhte er die Dosis auf Eigenverantwortung auf zweimal täglich 5mg und bemerkte daraufhin eine Besserung. Aber bald kam er trotz der drohenden Strafen wieder auf Marihuana zurück. Wenn er rauchte, konnte er seinen Blutspiegel konstant halten. Ausserdem linderte illegaler Hanf seine Symptome besser als legales Marinol® - eine Tatsache, die Patienten, die beides probiert haben, wohlbekannt ist.

Der jüngste Beitrag zum Waffenarsenal gegen Aids ist ein Medikament namens Foscarnet(Foscavir®). Etwa 20 Prozent der Aids Patienten entwickeln eine cytomegalovirusbedingte Retinitis, Eine Infektionskrankheit des Auges, die zur Erblindung führen kann. Foscarnet wurde entwickelt, um diese Krankheit zu behandeln. In einer jüngeren Studie stellte sich heraus, dass es ausserdem das Leben von Aidspatienten beträchtlich verlängert. Leider verursacht es neben anderen schweren Nebenwirkungen Übelkeit. Es gibt allen Grund zur Annahme, dass diese Übelkeit mit Hanf gelindert werden könnte. Wenn dies wahr ist und die in das Foscarnet gesetzten Hoffnungen sich erfüllen, wird es ein weiteres schlagendes Argument für Menschen mit Aids geben, Hanf zu rauchen.
Obwohl es unwahrscheinlich ist, dass in absehbarer Zeit ein wirksames Heilmittel gegen diese Krankheit zur Verfügung steht, gibt es inzwischen doch mehr Hoffnung für Aidspatienten. Es werden effektivere Behandlungsmethoden entwickelt, und die Lebenserwartung der Betroffenen steigt. Es hat sich herausgestellt, dass AZT in Kombination mit dem neuen Medikament Lamivudin (auch 3TC) wesentlich wirksamer ist. Proteasehemmer - gleichfalls ein neues Präparat gegen Aids - könnten sich als die bislang wirksamsten Medikamente auf diesem Gebiet erweisen. Unglücklicherweise führen sowohl Proteasehemmer als auch 3TC häufig zu Übelkeit und Erbrechen. Das uns diese Wirkstoffe jetzt zur Verfügung stehen, resultiert aus einem neuen Ansatz: Die Medizin versucht neuerdings die HIV-Infektion in einen chronischen Zustand umzuwandeln, der entsprechend stabilisiert werden muss, um das körperliche Wohlbefinden und die Lebensqualität der Betroffenen aufrechtzuerhalten. Angesichts dieser Situation gibt die Behauptung, Hanf würde der Entwicklung von Aids Vorschub leisten und den Verfall des Immunsystems beschleunigen, allen Anlass zur Besorgnis. Doch zwei sorgfältig durchgeführte Studien jüngsten Datums konnten schlüssig belegen, dass diese Behauptung jeglicher Grundlage entbehrt. Es ist ohne Zweifel an der Zeit, Hanf in die Aids-Therapie zu integrieren.

Auszug aus dem Buch
Marihuana, die verbotene Medizin
Von Dr.med. Lester Grinspoon
Und James B. Bakalar
2000
ISBN 3-86150-273-9
Artikel modifiziert Donnerstag 23. Dezember 2004 17:41, Erscheinungsdatum Freitag 21. November 2003 12:58

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