Aus Kiffern werden Eltern
Die Generation der Haschrebellen ist heute fünfzig und hat ein Problem: Der Nachwuchs lässt den Joint kreisen. Was tun? Wegschauen? Warnen? Drohen?
Dass im Zimmer ihrer 14-jährigen Tochter eine Cannabispflanze keimt, weiss Marie-Jeanne Hebeisen* schon seit einiger Zeit. Aber dieses ganze Sortiment zum Aufbereiten weicher Drogen, das sie in der Wäschekommode der Tochter findet, das ist ihr doch zu viel. Was tun? Gewähren lassen oder strafen? Stillschweigend hoffen, das Mädchen werde dem Spiel mit den Drogen wieder entwachsen - oder "offen reden", wie es immer so schön heisst?
Eine Cousine, ziemlich jung auch sie, wird von einem HipHop-Konzert ins Krankenhaus eingeliefert. Kollabiert nach Marihuana- und Alkoholkonsum. Ihr Bruder knallt sich jedem Nachmittag in seiner Skateboarder-Clique mit Haschisch zu. Alle früheren Interessen sind vergessen. Ein Schulzeugnis fällt miserabler aus als das andere. Aus der Jackentasche des Vaters verschwinden die Geldscheine. Auch hier fragen die Eltern: Was tun?
Zwei Fälle von vielen. Überall stürzt die heile Welt liberaler Gewissheiten ein. Jener Teil der Elterngeneration, der in der eigenen Jugend Haschischrauchen, LSD-Schlucken und das Kauen halluzinogener Pilze respektabel machte und als Symbol der Befreiung aus den Fesseln der Spiessergesellschaft feierte, erlebt an den eigenen Kindern die unschönen Nebenwirkungen der antibürgerlichen Rauschmittel. Die Drogenaufklärung in der Schule, von der die Kinder berichten, ist eine Travestie. Einmal erzählt die Lehrerin den Kindern, sie habe zu Drogen einfach nein gesagt, denn sie "brauche keine Drogen, um glücklich zu sein". Dabei hatte sich unter den Schülern längst herumgesprochen, wie die Lehrerin unlängst ein romantisches Wochenende mit ihrem Mann in Amsterdam verbrachte und nachher im Kollegenkreis erzählt hatte, wie lustig sie gekifft hätten.
Die Hebeisens haben ein einigermassen offenes Verhältnis zu ihren vier Kindern. Sie leben in einem Haus ohne Fernseher und mit viel freier Natur rundum. Abends am Küchentisch erzählt die Mutter dem Nachwuchs von ihren Studententagen an der Kunstschule. Von der Zeit, als alles Kunst war, was man zu Kunst erklärte. Drogen waren integraler Bestandteil der Selbsttäuschung. Sie erzählt, wie sie immer mehr in ein cannabisgeschwängertes Schwummerdasein abglitt. Wie sie fast täglich kiffte, und darüber beinahe ihr Examen verpatzte. Wie ihr alles so egal war, dass sie nicht einmal zur abschliessenden Vernissage ging. Einmal ritzte sie sich im Bad ihrer Wohngemeinschaft die Pulsadern auf.
Den Kindern ist nicht anzumerken, ob die Schilderung Eindruck macht. Der Sohn reisst einen charmanten Witz. Am nächsten Tag nehmen bei der Mutter die Zweifel überhand. Sie hätte nur zu viel Wein getrunken, sagt sie. Es war ganz falsch, sich so zu offenbaren, glaubt Marie-Jeanne Hebeisen jetzt. Das gehe doch in ein Ohr hinein und beim anderen Ohr wieder hinaus! Was soll diese Generation tun? Die eigenen Drogenerfahrungen ausmalen? Auf die abschreckende Wirkung der eigenen Geschichte setzen? Oder einfach alles verschweigen und über Drogen sprechen, als sei es pure Theorie? Oder gar nichts sagen und auf die staatliche Drogenprävention vertrauen?
In guter Gesellschaft wird meist so getan, als seien Drogen ein Problem der anderen. Wenn die eigenen Kinder kiffen, ahnen die Eltern oft nichts. Oder wagen es nicht, deren Drogenproblem anzusprechen. Eine Mutter, die auf einem Elternsprechtag das Thema anschnitt, erntete von den Lehrern Andeutungen, bei ihr zu Hause sei wohl nicht alles in Ordnung. Viele Erwachsene wissen nicht einmal, dass das "Einstiegsalter" seit ihrer Jugend drastisch gesunken ist.
Hört man sich unter Teenagern um, wird einem schnell klar, dass die so genannten "weichen" Drogen viel weiter verbreitet sind, als das offenbar in die Statistiken eingeht. Manche Teenager müssen lange nachdenken, bevor ihnen ein Freund einfällt, der nicht kifft.
Fast alle Erstkonsumenten bekommen ihr Kraut von Bekannten oder Geschwistern. Cannabis ist nach wie vor die "illegale" Droge Nummer eins. Designerdrogen sind offenbar ein Medienphänomen, denn sie spielen statistisch eine Nebenrolle.
Wenn Cannabis langsam gesellschaftlich und juristisch akzeptabel wird, wenn schon die Elterngeneration ihre eigenen Drogenerfahrungen hat: wie soll Prävention da wirken? Wie sollen jene argumentieren, dies es müssen - Politiker, Drogenberater, Lehrer, Eltern?
In den mittlerweile klaren Köpfen ehemaliger Kiffer tauchen ein paar Fragen auf: ist Cannabis wirklich unschädlicher als Alkohol und Tabak? Oder wird die Wirkung verharmlost, womit die Forderung nach Legalisierung die "positiven Wünsche" der Jugendlichen eher untergraben würde?
Es gibt eine Altersschwelle, so um die 13 Jahre, an der eine natürliche Ablehnung von Drogen in ihr Gegenteil umkippt. Drogenvorbeugung bei Teenagern sei weitgehend unwirksam, stellten 45 Psychologen und Psychiater, Neurobiologen und Pharmakologen fest, die 1994 in London vier Tage lang die "biologischen, sozialen und klinischen Grundlagen der Sucht" diskutierten. Statistisch lassen sich nur zwei Gruppen mit deutlich geringerem Drogenkonsum als der Durchschnitt identifizieren - Kinder aus strengen Elternhäusern und Jugendliche, die zwei- oder dreimal wöchentlich beten oder in die Kirche gehen.
Sobald man Cannabis mit dem Trinken vergleicht, wird es schwierig. Wir leben in einer jahrtausendealten permissiven Alkoholkultur. Die Angst der Eltern vor Drogen ist begründet, aber nicht zielgenau definiert. Die grosse Mehrheit der Suchtkranken sind Alkoholiker. Dennoch fallen Alkoholika nicht unter eine Suchtmittelverordnung, sondern unter das Lebensmittelrecht. An diesem Punkt scheitern die Gespräche zwischen Eltern und Kindern. Da provoziert die Parole "Keine Macht den Drogen" schnell die Antwort "Keine Macht den Doofen" - den doofen Alten, keine Ahnung haben und Alkohol trinken.
Dazu Peter Tossmann, Cannabisexperte an der Freien Universität Berlin: "Die überwiegende Mehrheit der Normaljugendlichen kifft eine am Wochenende. Aber manche können den Hals nicht voll genug kriegen. Zum Problem werde der Konsum vermutlich - verlässliche Angaben gibt es nicht - für 5 bis 10 %. Doch auch bei exzessivem Konsum müsse man unterscheiden. Zwischen jenen, die sich in den Sommerferien sechs Wochen lang die Birne volldröhnen und dann wieder auf der Matte stehen. Diese Kinder treibe oft eine Überreaktion in die Enge. Jenen Kindern aber, die sich anhaltend und regelmässig bewusstlos rauchen, dürfe man nicht tatenlos zusehen. Die Antriebslosigkeit, die so viele Eltern bei ihren kiffenden Kindern beobachten, ist also ein Risiko, das man in Kauf nehmen muss? Lustlosigkeit durch Cannabisgenuss sei keine Fiktion, sagt Tossmann, sondern in der Wissenschaft als "demotivierendes Syndrom" bekannt. Es stelle sich allerdings die alte Frage, was zuerst komme, die Henne oder das Ei. Einige Menschen hätten von vornherein eine weniger motivierte Grundhaltung du neigten dazu, sich "tagträumerisch einzulullen". Umgekehrt nehme Cannabis gerade diesen Leuten noch einmal "kräftig den Wind aus den Segeln". Für solche Menschen sei Cannabis eine hoch gefährliche Droge.
*Name geändert
Quelle: Die Zeit, 50/1999










