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Ayurveda - Der Gebrauch von Hanf und Opium in den traditionellen Medizinschulen Indiens

Hanf und Opium werden in diesem Text gemeinsam abgehandelt. In der vorliegenden Übersetzung wurde auf die detaillierte Beschreibung des Opiums verzichtet.

Hanf und Opium werden seit über 1000 Jahren in der Ayurveda- und Unani Tibbi -Medizin als als therapeutische Wirkstoffe angewandt. Für eine frühere Verwendung im Ayurveda gibt es keine direkten Beweise. Ein Textstelle bei Katyayana weist darauf hin, dass bhang (Hanf, Cannabis) in Indien bereits im 3. und 4. Jh. v. Chr. bekannt war. In den damaligen medizinischen Lehrbüchern werden weder Hanf noch Opium als Arzneistoffe erwähnt. Sushruta (Chirurg, 4. Jh. V. Chr.) empfahl sura (Alkohol) zur Schmerzdämpfung für Operationen. Charaka - der Internist - verschrieb einer hochschwangeren Frau nach der Extraktion eines toten Foeten alkoholische Getränke zur Schmerzbekämpfung. In den Arbeiten dieser medizinischen Autoritäten gibt es keine Referenz für den Gebrauch von Hanf oder Opium als Schmerzmittel, was zum Schluss führt, dass Hanf den damaligen Aerzten nicht als Arzneisubstanz bekannt war, obwohl er als bhang verbreitet war. Opium findet in den Veden, Puranas und den frühen Ayurveda-Texten (3. bis 5. Jh. v. Chr. ) ebenfalls keine Erwähnung. Referenzen für den Gebrauch von Hanf und Opium als Medikamente sind erst ab dem 12. und 13. Jh. n. Chr. zu finden, z.B. als frisch zubereitetes Extrakt von bhang. Die massgebenden ayurvedischen Werke jener Zeit über die materia medica beschrieben die Eigenschaften, Wirkungsweise und Indikationen beider Arzneien, Hanf und Opium. Bhavamishra, ein Zeitgenosse von Paracelsus, beschreibt in seinen medizinschen Abhandlungen Eigenschaften und Rezepturen der beiden Substanzen. Spätere ayurvedische Werke gaben Hanf und Opium zunehmenden Raum und nutzten sie in zahlreichen Rezepturen.
Ungeachtet dieser Tatsachen wird in den indischen Traditionen und Legenden die Hanfpflanze seit altersher mit dem Shiva-Shakti-Kult assoziiert und gilt als heilige Pflanze Shivas. Es ist bekannt, dass Sadhus und Yogis dieser Kulte sich des Hanf und des Opiums oder beider zu Konzentrations- und Meditationszwecken bedienen. Insbesondere aber bhang (Hanf) in Form von süssen Getränken wird von der indischen Bevölkerung bei religiösen Festlichkeiten wie z.B. Holi und Shivaratri eingenommen. Vermutlich werden Hanf und Opium in der indischen Volksmedizin schon seit dem 4. Jh. v. Chr. angewandt. In den letzten zwei Jahrhunderten sind sich die Volksmedizin und die klassische Medizin Indiens immer ähnlicher geworden, so dass viele Arzneimittel, einschliesslich derer die Hanf und Opium enthalten, im klassischen Ayurveda Verwendung gefunden haben. In grossen Teilen Indiens und des Himalaya-Gebietes ist Hanf als wildwachsende Pflanze noch heute weit verbreitet. In Kultur findet er vor allem als Faserpflanze Verwendung.
In der Unani Tibbi (indisch-arabischen-Medizin) scheinen Hanf und Opium schon viel früher verwendet worden zu sein als im Ayurveda. Möglicherweise wurden die beiden Substanzen aus der arabischen Medizin übernommen, welche durch den Islam im 9. Jh. v. Chr. nach Indien kam. Es wird angenommen, dass die arabische Medizin von den Griechen übernommen wurde. Dioskurides (1. Jh. n. Chr.), Galen (138-201 n.Chr.) und Rhazes (865-925 n. Chr.) haben den Hanf und das Opium in ihrer Wirkungsweise, ihrem therapeutischen Potential und der Anwendung sehr detailliert beschrieben. Auch in arabischen und persischen Medizinwerken wurden sie eingehend abgehandelt. Präparate mit Hanf und Opium scheinen in den arabischen Ländern, Persien und im muslimischen Indiens sehr beliebt gewesen zu sein.
So gibt es in der Unani Tibbi-Medizin eine grosse Zahl von Rezepturen, welche die beiden Arzneistoffe enthalten.

Beschreibung der Eigenschaften und Wirkungsweise des Hanfs im Ayurveda
1
Madini
Induziert Narkose
2
Mohini
Bewirkt geistige Verwirrung
3
Chapala
Bewirkt Wankelmut
4
Bahuvadini
Bewirkt Geschwätzigkeit
5
Harshini
Stimuliert angenehme und gehobene Empfindungen
6
Ranjika
Bewirkt Erregung
7
Tandrakrit
Bewirkt Schläfrigkeit
8
Vijaya
Bewirkt Gefühl der Unbesiegbarkeit
9
Trailokya Vijaya
Bewirkt Gefühl, die " drei Welten " erobern zu können
10
Virapatra
Potentes Pflanzenblatt
11
Samvida Manjari
Blütenstand bewirkt gehobene Stimmung
12
Bhang
Bei hohen Dosen Aussetzen der Hirnfunktion
Weitere Eigenschaften und Wirkungsweisen im Ayurveda und Unani Tibbi
Eigenschaft
Wirkungsweise
Bitter (tikta)
Hypnotisch (nidraprada)
Leicht (laghu)
Dämpft nervöse Erregung
Durchdringend (tikshna)
Bewirkt gehobenen Stimmung (vagvi-vardhini)
Heiss in der Potenz
Stimuliert das sexuelle Verlangen (kamada)
Bewirkt geistige Verwirrung (mo-havardhini)
Bewirkt Vergiftung (mada-vardhini)
Steigert Appetit, Verdauung und Stoffwechsel (vanhivi-vardhini)
Gegen Blähungen, magenstärkend (pachani)
Verstopfung (grahini), Reizbarkeit (pittala), Anitphlegmatisch (kaphajit)
 
Gegen Blähungen, magenstärkend
Im Unani Tibbi werden dem Hanf folgende Wirkungsweisen zugeschrieben
Verstopfung verursachend (Quabriz)
Entkräftend (mujafifmani)
Magenstärkend (muqavi meda)
Anodyn (muskan alm)
Appetitsteigernd (mushtai)
Hypnotisch (munawan)
Gehobene Stimmung (muferah)
Antikonvulsiv (dafe-e-tashanj)
Aphrodisisch (nuqavi bah)
Bewirkt Delirium (moras-hi-zan)
Gedächtnisstärkend (mumsik)
Vergiftung (mussakar)
Es ergeben sich aus den vorhergehenden Angaben folgende
Indikationen für die Anwendung von Hanf (® eher Opium)
Schlaflosigkeit
Dysenterie (Ruhr) ® (Opium)
Nervöse Reizbarkeit
Neuralgie (Nervenschmerzen)
Dyspepsie (Verddauungsbeschwerden)
Neuritis (Nervenentzündungen)
Diarrhoe (Durchfall) ® (Opium)
Rheumatische Beschwerden

Es ist festzustellen, dass Hanf eher für seine euphorisierende Wirkung geschätzt wird, während Opium vorwiegend als Beruhigungs- und Schmerzmittel, als Hypnotikum und gegen Durchfall und Ruhr zum Einsatz kommt. In der Unani Tibbi-Medizin wird Opium auch gegen Blutungen, insbesondere Bluthusten verwendet wird.

Nachstehend einige Rezepturen aus der Unani Tibbi, welche Hanf enthalten
Rezeptur
Indikation
Hab-e-Tukme-bhang
Durchfall
Safuf-e-Garian
Bettnässen
Majun Falaskari
Aphrodisiakum
Muffareh Bhangiyan
Aphrodisiakum
Roghan Bhang
Aphrodisiakum
Hab-e-Kochak
Aphrodisiakum
Hab-e-Munayish
Aphrodisiakum
Majum-e-falk saras
Aphrodisiakum
Auseinandersetzung von Ayurvedischer und Unani-Tibbi Hanf
und Opiummedikation mit der westlichen Schulmedizin.

Mit dem Einzug der westlichen Schulmedizin und deren zunehmendem Einfluss in städtischen Gebieten Indiens wurde die Frage aufgeworfen, ob diese beiden in der westlichen Medizin bislang als Betäubungsmittel bekannten Arzneisubstanzen in der bisher verwendeten Weise noch tragbar sind. Im Jahre 1958 beschäftigte sich ein Regierungskomitee mit dieser Frage und kam zu folgendem Schluss:

Dass 80% der indischen Bevölkerung vor allem auf dem Lande die westliche Medizin nicht zugänglich ist und sie somit auf die Hilfe der Ayurveda-Aerzte und Unani-Tibbi-Hakim angewiesen ist.
Dass Hanf und Opium von diesen Aerzten häufig verschrieben und nicht einfach aus den Rezepturen weggelassen werden können.
Dass eine vollständige Gesundheitsversorung mit den Mitteln westlicher Medizin in Indien noch lange nicht in Sicht ist und der Bevölkerung mit der Deklarierung von Hanf und Opium zu offiziell verschreibungspflichtigen Betäubungsmitteln nicht gedient wäre.
Bis zur Aenderung dieser Lage können die examinierten wie nicht examinierten Aerzte der Ayurveda- und Unani-Tibbi-Tradition Hanf und Opium weiterhin verschreiben. Da die nicht examinierten Aerzte die in der Pharmacopeia India enthaltenen Arzneimittel wie Sedativa, Hypnotika, Schmerzmittel , Antibiotika u.ä. nicht verschreiben dürfen, sind sie ganz besonders auf die leichter zugänglichen Medikamente mit Hanf und Opium angewiesen.
Dass in der Bevölkerung kaum mit Suchtproblemen zu rechnen ist, solange Hanf und Opium als Arzneimittel angewendet werden.
Dass der Problematik mit suchterzeugenden Aphrodisiaka, welche Hanf und/oder Opium enthalten ohne weiteres mit den bereits bestehenden Gesetzen über "magische Präparate" , Kosmetika u.ä. beizukommen ist.
Dass der Gebrauch von Hanf und Opium bei Sadhus, Yogis und Fakiren aus der Sicht westlicher Medizin wohl als Suchtverhalten gelten könnte, sich aber durch eine jahrtausendealte religiöse Tradition rechtfertigt.

Quelle: Sri C.Dwarakanath, Adviser in Indigenous Systems of Medicine Ministry of Health, New Dehli (Use of opium and cannabis in the traditional Systems of medicine in India, Pub. 1965).

Erscheinungsdatum Freitag 14. November 2003 14:37

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