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Cannabis-Rezeptoren an Alkoholsucht beteiligt

Nach einer neuen Studie scheint der Cannabinoid-Rezeptor CB1 an der Alkoholsucht beteiligt zu sein. In einem Tierversuch entwickelten Mäuse, deren CB1-Rezeptor aus dem Genom entfernt wurde, keine Alkoholsucht, während "normale" Mäuse alkoholabhängig wurden, wenn sie Alkohol zur Verfügung hatten [sic!]

Oberflächlich betrachtet haben Alkohol und Cannabis wenig gemeinsam, außer dass sie abhängig machen können. [1] Diese Abhängigkeitsbildung scheint nach einer neuen Studie in Behavioural Brain Research (2005; doi:10.1016/j.bbr.2005.06.021) im Gehirn über die gleichen Regelkreise in Gang gesetzt zu werden.

Zur Sucht kommt es, wenn eine Substanz im Gehirn eine Belohungsreaktion auslöst, die den Süchtigen immer häufiger nach dem Stoff [2] greifen lässt. Ob dies der legale Alkohol oder der in manchen Ländern illegale Cannabis ist, spielt für das Gehirn keine Rolle. Bei Cannabis ist diese Belohnungsreaktion weitgehend erforscht. Sie wird über den vor einigen Jahren entdeckten Cannabinoid-Rezeptor CB1 vermittelt.

Für den Alkohol gibt es keine derartigen Rezeptoren, doch der Forscher Panayotis Thanos vom Brookhaven National Laboratory in Upton/New York vermutet seit einiger Zeit, dass CB1 auch beim Alkohol eine Rolle spielt. Den Beweis liefern jetzt Experimente an so genannten Knock-out-Mäusen. Diesen Tieren wurde der CB1-Rezeptor aus dem Genom entfernt. Wenn sie in einem Käfig die Wahl zwischen Wasser oder einem zehnprozentigen alkoholischen Getränk haben, zeigen sie keinerlei Präferenz, ganz im Gegensatz zu normalen Mäusen (Wildtyp), die schnell eine Neigung zum Alkohol entwickeln. Der Alkoholismus konnte beim Wildtyp durch die Gabe eines experimentellen CB1-Blockers verhindert werden.

Der Alkohol hinterlässt bei den Wildtyp-Mäusen auch tiefe Spuren im Gedächtnis. Wenn sie später die Wahl zwischen verschiedenen Käfigen erhalten, wählen sie bevorzugt den Ort, wo sie in früheren Versuchen den Alkohol erhalten hatten. Auch wenn sie dort nur Wasser finden, dauert es eine gewisse Zeit, bis sie beginnen. andere Orte zu erkunden.

Die Versuche von Thanos zeigen nun, dass die Knock-Out-Mäuse keine derartige Präferenz haben. Die Versuche sind für den Forscher ein klarer Beleg dafür, dass der Cannabinoid-Rezeptor CB1 an der Vermittlung der Alkoholsucht beteiligt ist. Unklar ist nur noch, wie Alkohol in diesen Regelkreis eingreift. Denn während Cannabis direkt an den Rezeptor CB1 bindet, ist Alkohol kein Rezeptoren-Ligand. Für die klinische Forschung stellt sich außerdem die Frage, ob ein CB1-Blocker möglicherweise bei der Behandlung der Alkoholsucht eingesetzt werden könnte.

Kommentar der Hanf-Info Redaktion: Dass Mäuse, die ihr Leben in engen Laborkäfigen bei Kunstlicht verbringen müssen, zu Alkoholikern werden, leuchtet jedem ein, der über ein bisschen gesunden Menschverstand und Tierkenntnis verfügt.

Aus der Erfahrungsmedizin wissen wir, dass es Menschen gibt, die dank ihres Cannabiskonsums vom Alkohol abgekommen sind. Das Experiment von Panayotis et al. bestätigt mit wissenschaftlichen Methoden, was in der Volks- und Komplementärmedizin schon lange bekannt ist, aber leider keinen Niederschlag in einer unkomplizierten Abgabe von Cannabis gefunden hat.

Nach unseren praktischen Erfahrungen zeigen sich typische, als Folge häufigen Cannabiskonsums einzustufende Symptome erst bei Konsum ab 3-5 Hanfzigaretten pro Tag über einen längeren Zeitraum. Die auffallendsten Symptome sind eher psychischer Art, sie bestehen in einer verstärkten Stimmungslabilität ("launisch"), Vergesslichkeit und den oft vorkommenden Auffälligkeiten im menschlich/kommunikativen Bereich. Auch bei starken Cannabisrauchern haben wir nie Symptome körperlicher Abhängigkeit beobachtet wie z.B. das häufige Händezittern bei Alkoholikern bevor sie nach einigen Stunden Abstinenz wieder trinken können. Oft besteht bei längjährigen Cannabisrauchern ein typischer Raucherhusten mit viel Auswurf, der auf die expektorationsfördernde Wirkung des Hanfs zurückzuführen ist.

Die Studie von Panayotis impliziert eine interessante wissenschaftliche Hypothese. Man kann vermuten, dass der CB1-Rezeptor im Belohnungs- und Wohlfühlsystem eine ausschlagebende Rolle spielt und wahrscheinlich an allen Vorgängen beteiligt ist, die beim Menschen zu als "Sucht" bezeichnetem Verhalten führen. Ob das Lahmlegen dieses Rezeptors durch Veränderungen am Genom oder spezifische Rezeptorenblocker suchtkranken Menschen wirklich helfen könnte, darf allerdings bezweifelt werden, da "Sucht" häufig mit Lustgefühlen, persönlicher Reifung und anderen positiven Aspekten verbunden ist. Die Cannabinoid-Rezeptoren spielen auch bei der Nahrungsaufnahme eine Rolle, so wird z.B. beim Neugeborenen der Hungerreflex durch das Cannabinoidsystem geregelt.

Quelle: Deutsches Aerzteblatt. 8.9.05

Studie von Panayotis et al., Sciencedirect

Notizen

[1] wobei die Abhängigkeit bei Cannabis, wenn vorhanden, eher auf der psychischen Ebene liegt und vergleichsweise mild ist. Eine starke körperlich Abhängigkeit wie bei Alkohol mit den bekannten Entzugerscheinungen wurde noch nie beschrieben

[2] oder einer bestimmten Tätigkeit wie z.B. Sport, Fernsehen, Telefonieren, Internet usw.

  • A new set of experiments in mice confirms that a brain receptor associated with the reinforcing effects of cannabis also helps to stimulate the rewarding and pleasurable effects of alcohol.
Artikel modifiziert Donnerstag 17. November 2005 11:52, Erscheinungsdatum Donnerstag 15. September 2005 04:50

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