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Cannabis als Homöopathikum

Kern des Mittels Cannabis aus der Sicht der Autoren Vithoulkas, Morrison und Sankaran.

1. G. Vithoulkas
Vithoulkas kennt zwei Grundtypen, die das Mittel Cannabis indica benötigen. Der eine ist der emotional-ätherische Typ, also jemand, der sich mehr emotional als geistig mit Problemen beschäftigt. Der andere Typ ist im Gegensatz dazu ein eher intellektueller Mensch, der auf der geistigen Ebene übererregt ist und grosse Furcht davor hat, die Kontrolle zu verlieren.
Der erste Typ, also der emotional-ätherische Mensch, entspricht am ehesten dem, den wir erwarten, wenn jemand unter dem Einfluss von Cannabis steht. Ihm liegen mathematische und analytische Aufgaben nicht. Geistige Arbeit mag er nicht. Wenn er ganz unter der Pathologie von Cannabis steht, fühlt er sich leicht, ätherisch und ekstatisch. Überhaupt nicht mehr dieser Welt verhaftet, freut er sich unbändig über seinen seligen, schwebenden Zustand ("spaced out").
Diese Menschen haben laut Vithoulkas eine sehr zarte Verbindung zwischen dem Lebenskörper (Vitalkörper, "Astralleib") und dem physischen Körper. Dadurch sind sie problemlos in der Lage, ihren Körper zu verlassen. Unabhängig von erlernten Techniken (spirituelle Methoden, autogenes Training o.ä.) sind sie in der Lage, sich in Trance oder ähnliche Zustände zu versetzen. Dies führt beispielsweise dazu, dass dieser Typ beim Einschlafen das Gefühl hat, dass er seinen Körper verlässt und in andere Dimensionen reist. Hierbei kommt es zu katalepsieähnlichen Zuständen, die als sehr beängstigend empfunden werden. Dieser Typ wacht z.B. nachts auf und will seine Beine bewegen, aber nichts passiert.
Der Grundzustand des Typus I ist ekstatisch-exaltiert. Wenn sie sich weit weg von ihrem Körper fühlen, ergreift sie eine schreckliche Furcht, in so einem Zustand sterben zu können. Die Furcht vor dem Tod und dem Wahnsinn beherrscht sie demzufolge. Diese Ängste können aber auch sehr schnell wieder verschwinden.
einer verschärften Wahrnehmung. Alles wird viel schneller und lebhafter empfunden. Dadurch verzerrt sich das Zeitgefühl. Das Symptom "Die Zeit vergeht zu langsam" ist darauf zurückzuführen. Weitere Verzerrungen: fühlt sich weit weg von Gegenständen, glaubt sich von Gegenständen weg zu bewegen, Gliedmassen scheinen zu schrumpfen. Diese Verzerrungen sind Ausdruck des leisten ätherischen Losgelöstseins.
Dennoch erfasst dieser Typ sein Kranksein. Der verworrene, zerstreute und unscharfe Verstand beeinflusst seine berufliche Leistungsfähigkeit. Die Realität kann nicht richtig eingeschätzt werden. Dies kann dazu führen, dass dieser Typ durch Interesselosigkeit häufig die Arbeit wechselt ohne die sonst typische Bitterkeit. Dieser Cannabis indica-Typ ist freundlich und liebenswert mit einer manchmal beneidenswerten Leichtigkeit im Leben. Schnelles und übertriebenes Lachen gehören genauso zu diesem Typ wie das leichte Stimulieren seiner Gefühle durch äussere Reize.
Der andere Cannabis-Typ (II) ist geistig orientiert (mental, intellektuell) und zum ersten Typ genau gegenteilig. Die Glücksgefühle des zuvor beschriebenen Typus sind ihm fremd. Es ist nicht leicht, mit ihm auszukommen. Auch ihm ist das Gefühl vertraut, den Körper zu verlassen, jedoch nur partiell für bestimmte Körperteile. Einzelne Körperteile, insbesondere die Extremitäten, scheinen leicht zu werden. Ein Arm kann sich anfühlen, als sei er ohne Knochen und könne deshalb davonschweben.
Für diese geistig orientierten Menschen ist so etwas furchtbar. Es bedeutet für sie, die Kontrolle über etwas zu verlieren. Vor genau diesem Kontrollverlust fürchten sie sich unmässig und haben eine enorme Angst vor solchen Momenten. Ihre Angst, verrückt zu werden, in Verbindung mit der Furcht vor dem Tode manifestiert sich im Magen und in der Brust. In solchen Zuständen fühlt Vithoulkas sich an Mittel wie Phosphor, Arsenicum Album oder Acidum nitricum erinnert.
Cannabis spricht bei diesen Menschen das Gehirn in besonderer Weise an. Es stimuliert das Gehirn. Dies führt dazu, dass dieser Typ ständig theoretisiert. Als Gesprächspartner ist so ein Mensch hochinteressant, weil er mit seinen eigenen Ideen über diese Welt, seine Gesundheit und die Dinge, mit denen er praktisch verbunden ist, viele Aspekte in sich vereinigen kann. Insbesondere zu spirituellen Themen nimmt dieser Typ gerne Stellung und kennt sich damit ungewöhnlich gut aus. Seine geistige Wendigkeit und seine Intelligenz ermöglichen es ihm, alles aus einer verschienenen Perspektive zu beurteilen.
Obwohl er hochgebildet und belesen ist, ist er dennoch zu geistiger Arbeit nicht fähig. Er ist zerstreut. Die Theorien haben keinen Anfang und kein Ende. Wegen der geistigen Sprunghaftigkeit fühlt Vithoulkas sich an Lachesis erinnert. Lachesis hat jedoch einen wesentlich konkreteren Bezug und gründet mehr auf Fakten als Cannabis indica.
Vithoulkas beschreibt, dass dieser Typ in der Anamnese sehr schwierig sein kann. Ein entdecktes Symptom wird von ihm haarklein analysiert und in seinem Zusammenhang so lange erklärt, bis es keines mehr ist. Dies geschieht mit jedem Symptom. Der Zusammenhang zwischen dem verschiedenen Blickwinkeln und einer Abneigung, auf etwas festgelegt zu werden, drängt sich hier auf.
Es geschieht, dass man das Ausmass des Theoretisierens bei der Anamnese nicht begreift. Dieser Cannabis indica-Typ empfindet dies ja auch nicht als Problem. Bei der Schilderung körperlicher Symptome tritt es nicht so deutlich zu Tage, aber wenn es dann um allgemeine Themen geht, entfalten sich die phantastischen Theorien. Spätestens jetzt muss man an Cannabis indica denken. Der diesem Typ innewohnende Kontrollgeist macht ihn hyperkritisch. Die Verschreibung muss exakt erklärt werden. Warum kam man zu diesem Mittel? Was kann damit passieren? Die nach Vithoulkas unterschwellige Furcht vor dem Wahnsinn zwingt diesen Typ, alles unter Kontrolle zu haben - ganz im Gegensatz zum vorher beschriebenen unkomplizierten und glückseligen Typ.
Auf der körperlichen Ebene sieht Vithoulkas den extremen Durst als Indikator. Besonders in akuten Situationen ist Cannabis indica ungewöhnlich durstig. Dieser Durst in Verbindung mit der Angst vor dem Tod kann zur falschen Verschreibung von Arsenicum Album führen. Cannabis indica hat ein grosses Bedürfnis, zu ruhen. Liegen bessert. Vithoulkas meint, dass dies ein vernunftmässiges Symptom sei, weil der Verstand sagt, dass es besser sei, liegen zu bleiben. Veranlasst man Cannabis indica zum Spazierengehen, bessert sich der Zustand durch die frische Luft. Cannabis indica darf nach Vithoulkas nicht überanstrengt werden, weil jede Überanstrengung die speziellen Cannabis-Symptome verstärkt.
Dieser Typus hat ein starkes Sexualverlangen. Beim Bemühen um Kontrolle scheinen sich ihre Energien auf die Sexualsphäre zu konzentrieren. Ihr starkes Verlangen bringt sie bis zum Masturbieren. Bei der Partnerwahl sind sie nicht wählerisch - Hauptsache es geht schnell und einfach. Cannabis indica ist ein mögliches Akutmittel bei Gonorrhöe. Weitere urogenitalspezifische Indikationen sind Blasen-, Harnröhren- oder Niereninfektionen.
Cannabis indica kommt insbesondere bei tauben und/oder schwachen Extremitäten, also Vorlähmungsstadien in Betracht.
Dieses Mittel ist nach Vithoulkas für Patienten nützlich, die einen sogenannten "schlechten Trip" hinter sich haben. Dabei spielt die Art der Droge keine Rolle -egal ob LSD, Heroin, Cannabis etc. Wichtig ist dabei, dass die Folge des Konsums ein geistig benebelter, zerstreuter, stumpfsinniger Zustand ist. Für den wirklich ernsthaft stumpfsinnigen Zustand ist Acidum phosphoricum zwar das Mittel der ersten Wahl - aber an Cannabis indica sollte auch gedacht werde.

2. Roger Morrison
Insgesamt beurteilt Roger Morrison Cannabis indica wie Vithoulkas. Auch er sieht die zwei Typen von Cannabis indica, den aussergewöhnlich Liebenswürdigen und den verzweifelt Argwöhnischen. Morrison spricht sogar von einer Art neuem Miasma, das durch den verbreiteten Cannabiskonsum entstanden ist. In mehreren Fällen seien Kinder von Eltern, die Marihuana oder Haschisch konsumiert haben, von ernsten Erkrankungen geheilt worden.
Wegen der nicht ausreichenden Symptomenvielfalt auf der körperlichen Ebene empfiehlt Morrison die Wahl dieses Mittels aufgrund des Gemützustandes. Die körperlich Pathologie beschränkt sich nach seiner Meinung vor allem auf Erkrankungen der Harnwege. Morrison sieht Cannabis indica als hervorragendes Mittel bei akuter Harnröhrenentzündung.

3. Rajan Sankaran
Anders als Morrison, der lediglich eine Verwandtschaft zum sykotischen Miasma sieht, ordnet Sankaran Cannabis indica ganz diesem Miasma zu. Sankaran nähert sich diesem Mittel wie üblich erst einmal aufgrund seines Grundstoffes. Es gehört ins Königreich der Pflanzen und hat daher die hier häufig zu beobachtende starke Sensitivität. Auch der Sinn für Isolation rührt daher. Die bemerkenswerte Schwäche ist eine unangebracht Verhaltensmöglichkeit im Hinblick auf die Herausforderungen dieser Welt. Cannabis indica fühlt sich nicht genug "ausgerüstet", um dieser Welt direkt zu begegnen. Sankarans Bild dazu ist das von einem Menschen, der die Welt aus der Sicherheit eines Glaskäfigs beobachtet.
Ein weiteres Bild Sankarans zu Cannabis indica ist das vom Menschen, der in seinem Haus eingeschlossen ist. Mit Haus ist allerdings eher ein Palast gemeint. Darin ist materiell alles vorhanden, es mangelt wirklich an nichts. Das ist auch notwendig so, weil Cannabis indica sich fürchtet, hinaus zu gehen und deshalb im Inneren alles bevorratet. Cannabis indica bleibt aus Furcht vor der äusseren Welt in seiner inneren Welt. Diese innere Welt wird mangels äusserer Einflüsse und Stimulanzien mit Phantasien angefüllt. Gleichzeitig führt dies zu einer übertriebenen "Ferne" von Gegenständen, die eigentlich nah sind.
Was die Verzerrung der Wahrnehmung angeht, so stimmt Sankaran vollständig mit Morrison und Vithoulkas überein.
Die besondere Intensität der Wahrnehmung begründet Sankaran mit dem Mangel an realer Wahrnehmung. Deshalb müssen die Eindrücke und Wahrnehmungen, die von innen kommen, sich verstärken. Das, was gesehen wird, verstärkt sich im Eindruck in dem Masse, in dem der Kontakt zur Aussenwelt fehlt.
Die typische Cannabis-Angst bekommt bei Sankaran ein grösseres Gewicht. Er geht so weit, dass Cannabis sein "inneres Haus" niemals verlassen hat aus Furcht, der harten Realität nicht gewachsen zu sein. Er sieht eine geradezu bedrohliche "Angst vor der Gefahr". Aus dieser mangels äusserer Stimulanzien "langweiligen" Welt bricht Cannbis indica durch seine Phantasien aus.
Cannabis indica ist eine soziale "Droge", die gerne in Gruppen eingenommen wird. Nach der Einnahme wirkt es isolationsaufhebend.
Die Geschichte von Gautama Buddha ist nach Sankaran eine typische "Cannabis indica-Story". Als Prinz durfte Buddha seinen Palast niemals verlassen. Als er eines Tages, überwältigt von der Langeweile, eine Ausfahrt im Streitwagen macht, begegnete ihm zunächst ein sehr kranker Mann, dann ein sehr alter und zuletzt ein toter Mann. Buddha befand daraufhin die Welt ausserhalb des Palastes als zu grausam und zu rau. Das Gesehene überforderte den sehr empfindsamen Buddha.
Besonders interessant ist, dass Sankaran in Kalifornien eine Arzneimittelprüfung für Cannabis indica leitete. In Kalifornien liegt bekanntlich Hollywood und dort werden Spielfilme produziert, die wir ein einer Weise konsumieren, die viel mit Cannabis indica zu tun hat. In sicherem Abstand stimulieren wir uns mit stark überzogenen Reizen einer Phantasiewelt. Sankaran sieht in Cannabis indica eine gewisse Ähnlichkeit zum Fernsehen.
Sankaran weist auf den deutlichen Unterschied zwischen Cannabis indica und Cannabis sativa hin. Träume von Verlegenheit oder Versagen sind Träume von Cannabis sativa, niemals von Cannabis indica. Damit ist klar ersichtlich, dass Erfolg und Versagen die Themen von Cannabis sativa sind.

Zusammenfassung:
Übereinstimmend gehen Vithoulkas, Morrison und Sankaran von folgenden Kennzeichen für Cannabis indica aus:

- Theoretisieren mit einer ungesteuerten Sprunghaftigkeit
- Wahrnehmungsverzerrungen; Dinge, die eigentlich nah sind, scheinen weit weg; Farben erscheinen plastischer
- Gefühle von schwebenden Extremitäten oder Gliedmassen; ausserkörperliche Erlebnisse
- Eine phantasiereiche Innenwelt
- Furcht vor der realen Welt (die Furcht vor dem Tod und die Furcht vor dem Kontrollverlust sieht Sankaran nicht wie Vithoulkas und Morrison
- Wahnideen aller Art, auditive und/oder visuelle Halluzinationen
- Kaum körperliche Symptome

Repertorium
Region
GEFÜHLE, GEMÜT, NERVEN, UROGENITALTRAKT
Modalitäten

Verschlimmerung: DUNKELHEIT, Anstrengung, Kaffee, Tabak, Alkohol, Ruhiges Liegen, während der Menses Rückenschmerz, Liegen auf der rechten Seite, morgens Musik

Besserung: IM FREIEN (Gemütsymptome), kaltes Wasser, Ruhe, tiefe Atmung (vor allem bei Stichen im Herz mit Beklemmung), umhergehen im Freien

Leitsymptome
FURCHT VOR DUNKELHEIT, ausserkörperliche Erfahrungen; grosse Furcht, den Körper zu verlassen, besonders im Dunkeln; Wahnideen, er sei von Wesen umgeben (besonders im Dunkeln); VERZÜCKTE VORSTELLUNGEN, WAHRNEHMUNGEN und GEISTIGE ERREGUNG; schnelle, wandernde Gedanken; können ihren eigenen Gedanken nicht folgen; falsche Vorstellungen von Zeit und Raum (ZEIT VERGEHT ZU LANGSAM); überschüttet den Homöopathen mit Informationen und ERKLÄRUNGEN; versucht, alles RATIONAL zu ERKLÄREN; THEORETISIEREN; FURCHT, die SELBSTKOTROLLE zu verlieren; ÜBERMÄSSIGES LACHEN über KLEINIGKEITEN; FEHLER BEIM SCHREIBEN aufgrund der Schnelligkeit seiner Gedanken; GE£ISTESVERWIRRUNG; VERG£ISST, WAS ER SAGEN WILL; vergisst die letzten Worte; erkennt ihm wohlbekannte Strassen nicht wieder; HELLSICHTIGKEIT; prophetische Träume; Gefühl des Schwebens (Levitation)
Gemüt
Qualvolle Angst im Freien; unangemessene Beurteilung von Grausamkeit; Wahnidee (Gefühl zu fliegen); Vergesslich, vergisst Worte beim Sprechen; Gedächtnis, Gedächtnisschwäche für das, was er gerade sagen will, schreiben will; Theoretisieren; Gedanken drängen sich auf und verschwinden wieder.
Schwindel
Nach Kaffee; wie Hochgehoben, besser durch Ruhe
Kopf
Berstender Schmerz; als wenn die Schädeldecke abheben würde; als wenn der Kopf geöffnet und geschlossen würde
Gesicht
Bläuliche Farbe beim Lachen; blass beim Gehen in frischer Luft; Ausdruck dumm und einfältig
Nieren
Schmerz beim Lachen (als einziges Mittel zweiwertig)
Rücken
Schmerz beim Lachen (dreiwertig); Schmerz beim Aufrichten des Rückens (zweiwertig); muss gebeugt gehen (zweiwertig)
Speisen und Getränke
Abneigung: Wasser
Verlangen: Süsses (dreiwertig)
Verschlimmerung: Kaffee (zweiwertig) [Erbrechen von Schleim]; während des Essens; Tabak
Besserung: Kaffee (zweiwertig) [Kopfschmerz & Schwindel]

Quellen:

- Essenzen homöopathischer Mittel, Silvia Faust Verlag
- Roger Morrison: Handbuch der homöopathischen Leitsymptome und Bestätigungssymptome, Kai Kröger Verlag
- Rajan Sankaran: The Soul of Remedies
- Frans Vermeulen: Synoptische Materia Medica, Kai Kröger Verlag

Erscheinungsdatum Freitag 14. November 2003 15:16

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