Die Mission der Hanfbauern
Im Thurgau kämpfen etwa 20 Bauern gegen die Justiz. Sie wollen, dass Hanf an Nutztiere verfüttert werden darf. Für einige von ihnen ist das zur Glaubensfrage geworden.
www.thurgauerzeitung.ch 21.03.2010 Von Ida Sandl.
Am Donnerstag steht Richard Scheuch aus Pfyn vor Gericht. Zum zweiten Mal in seinem Leben. Scheuch ist Bauer. Bis zum Sommer 2008 war er ein unbescholtener Mann. Dann fuhren Polizisten vor seinem Hanffeld auf, packten ein paar Pflanzen in eine Migros-Tasche und zogen wieder ab. «Das hat mich schon etwas gestört», sagt Scheuch. Es war das erste Mal, dass er Hanf angepflanzt hat, «Schweizer Hanf» mit niedrigem THC-Gehalt, kein Cannabis. Die Direktzahlungen von 1600 Franken hätten ihn gereizt, sagt Scheuch. Er habe alles vorschriftsmässig gemeldet. Ursprünglich wollte er den Hanf an seine Kühe verfüttern. Das ist seit 2006 gemäss Landwirtschaftsgesetz verboten. Das Bezirksamt Steckborn schickte dem Bauern eine Strafverfügung ins Haus. 800 Franken Busse sollte er zahlen, die Hanfwürfel wurden beschlagnahmt.
Pflanzenschutz statt Futter
Scheuch reichte Rekurs ein. Der Fall landete beim Bezirksgericht. Das Gezerre um das Verfütterungsverbot wurde ihm schliesslich zu dumm. Er änderte seine Meinung, wollte die Hanfwürfel nun zu Extrakt verarbeiten als Mittel zum Schutz seiner Pflanzen. Dies rettete ihn aber nicht mehr. Der Richter wies die Einsprache ab und brummte ihm nochmals tausend Franken Verfahrensgebühr auf. Scheuch zog den Fall weiter und setzt jetzt alle Hoffnung auf das Obergericht. Er ist überzeugt, er werde am Donnerstag freigesprochen.
30 Tonnen beschlagnahmt
Richard Scheuch ist einer von gut 20 Hanfbauern im Thurgau. Die meisten leben auf dem Seerücken und sind angeklagt, weil sie Hanf an Nutztiere verfüttern wollen. Etwa zehn warten noch auf ihre Verhandlung vor dem Bezirksgericht. Zum Beispiel Roman Jud aus Hörhausen. Vor drei Jahren hat er zum ersten Mal Hanf angepflanzt. Es sah nach einem guten Geschäft aus. Er kassierte die Direktzahlungen und konnte die Tonne Hanfwürfel für 1600 Franken verkaufen. Im nächsten Jahr setzte Jud noch eins drauf und baute fast sechs Hektaren an. Dann kam auch bei ihm die Polizei, die Ernte wurde beschlagnahmt. Insgesamt 30 Tonnen Hanf liegen jetzt sauber verpackt in seiner Scheune. Mit jedem Monat verliert die Ware an Wert. Die Preise für Hanf seien in den letzten Jahren eingebrochen, auch wegen der härteren Gangart der Behörden.
Die Hanfbauern sehen sich als Opfer einer willkürlichen Justiz. «Mir ist klar geworden, was alles nicht sauber läuft bei uns», sagt Jud. Der Thurgau lege das Fütterungsverbot viel strenger aus als zum Beispiel Bern oder St. Gallen. «Wir müssen konsequent sein», erklärt der leitende Thurgauer Staatsanwalt Hans-Ruedi Graf. «Das Gesetz ist eindeutig.» Im Unterschied zu anderen Kantonen geht der Thurgau aber schon seit den 90er-Jahren rigoros gegen Hanfbauern vor.
Der Hanfanbau ist ein Graubereich
St. Gallen sei genauso streng, vielleicht noch strenger als der Thurgau, sagt Thomas Hansjakob, der Erste Staatsanwalt. Trotzdem sind in den letzten Jahren zwei oder drei Hanfbauern vom St. Galler Kantonsgericht freigesprochen worden. Das Gericht fand, die gesetzliche Grundlage für das Fütterungsverbot sei zu wenig sauber.
Auch im Kanton Bern gab es Freisprüche für Bauern, die Hanf verfüttert haben. «Das war bevor die Verfütterung von Hanf grundsätzlich verboten wurde», sagt Untersuchungsrichter Peter Müller. Inzwischen hat sich die Praxis in den meisten Kantonen verschärft. In St. Gallen muss neu jeder, der Hanf anbauen will, dies melden und den Verwendungszweck bekannt geben. Der Hanfanbau sei ein Graubereich, sagt Heinz Hänni vom Schweizerischen Bauernverband. «Wir raten den Landwirten, die Finger davon zu lassen.»
Bei den Hanfbauern treffen solche Appelle auf taube Ohren. Sie kämpfen einen Glaubenskrieg. Der Hanf soll wieder zu dem werden, was er ihrer Ansicht nach einmal war: Eine harmlose Pflanze, der sogar heilende Wirkung nachgesagt wurde. Roman Jud sagt: «Falls nötig gehe ich bis vor die Europäische Menschenrechtskommission in Strassburg.»










