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Die meisten Drogen- und Alkoholabhängigen können sich selber heilen

sagt Harald Klingemann, Forschungsleiter an der Berner Fachschule für Sozialplanung und Sozialmanagement. "Nicht jeder Süchtige braucht eine Langzeittherapie". Wenn jemand in eine Sucht gerät, heisst das nicht zwangsläufig, dass er bis zum bis zum Sankt Nimmerleinstag süchtig sein wird. "Auch vor der Tatsache, dass ein kontrollierter Konsum möglich ist, darf man die Augen nicht länger verschliessen".

Auszüge aus dem Interview mit Harald Klingemann in der "Weltwoche"

Herr Klingemann, was halten Sie von dem Satz "Einmal ein Junkie, immer ein Junkie?"

Nichts. Dieser Satz ist ebenso falsch wie das weit verbreitete Vorurteil, dass Süchtige nicht fähig sind, selbstständig von ihrer Sucht loszukommen.

Bisher nahm man an, dass ein breit gefächertes Therapieangebot und verschiedene Substitutionsprogamme unerlässlich sind, um Süchtigen zu helfen?“ Ist diese Annahme falsch?

Heute wissen wir: Wenn jemand von der Sucht loskommt, dann in der Regel ohne professionelle Hilfe. Das gilt auch für heroin- und alkoholabhängige Menschen.

Sie haben kürzlich die erste schweizerische Langzeitstudie zum Thema Selbstheilungen vorgestellt. Welches sind die Ergebnisse?

Alle Untersuchten wiesen eine langjährige Suchkarriere und einen hohen Konsum von Alkohol und Heroin auf. Sie mussten die Sucht ohne Hilfe von aussen bewältigen und auch auf die Teilnahme an Selbsthilfegruppen verzichten. Von den dreissig Heroinkonsumenten wurden 28 Teilnehmer abstinent. Zwölf der dreissig Alkoholabhängigen konsumierten nach Abschluss der Untersuchungen nur noch gelegentlich Alkohol. Einer kanadischen Untersuchung zufolge bekommen 77 Prozent der Problemtrinker ihre Alkoholsucht von selber in den Griff.

Gewisse Fachleute meinen, dass eine Selbstheilung nicht anhalte.

Mit weiteren Studien haben wir auch die Stabilität der Selbstheilungen untersucht. Wir beobachteten die Teilnehmer während 14 Jahren: Von den untersuchten Selbstheilern war 75 Prozent abstinent geblieben.

Weshalb dann dieser heftige politische und wissenschaftliche Widerstand?

Die Selbstheilungsthese ist unbequem, weil sie beweist, dass eine Suchtkarriere auch ohne professionelle Hilfe beendet werden kann. Der Beweis, dass der Ausstieg aus eigener Kraft möglich und sogar die Regel ist, lässt starke Zweifel aufkommen, ob die therapeutische und präventionspolitische Vereinnahmung immer weiterer Lebensbereiche gerechtfertigt ist. Auch stereotype Vorstellungen von Süchtigen müssen hinterfragt werden.

Weshalb ignoriert ein Grossteil der Betroffenen die Therapieangebote?

Das therapeutische Angebot ist auf jene Minderheit ausgerichtet, die Beratungsstellen aufsucht. Die Bedürfnisse riesigen Gruppe, die keine Beratung will, sind somit unbekannt.

Warum wird das therapeutische Angebot nicht genutzt?

Viele geben an, eigene Entzugsmethoden entwickelt zu haben. Rigide Abstinenzforderungen wirken abschreckend. Andere sind schlecht informiert, haben Angst vor sozialer Brandmarkung, wenn sie Hilfe beanspruchen. Oft werden die gemachten Erfahrungen mit therapeutischen Einrichtungen als nutzlos oder gar kontraproduktiv bezeichnet.

Es gibt also für die meisten der 215 000 Alkoholabhängigen und 22 000 Heroinsüchtigen in der Schweiz keine Hilfe, die sie annehmen könnten oder wollten?

Ja, so ist es.

Sind stationäre und ambulante Therapien also kontraproduktiv und überflüssig?

Nicht unbedingt. Aber ein zu stark ausgebautes, aber wenig differenziertes Behandlungsangebot kann das Selbstheilungspotential ersticken. Bisher schoss man mit Kanonen auf Spatzen, dabei würde oft eine Steinschleuder ausreichen, um den Vogel vom Dach zu holen, wie unsere Studie gezeigt hat. Nicht jeder abhängige Mensch benötigt eine stationäre und ambulante Langzeittherapie, um aus seiner Sucht herauszufinden. Die Therapeuten sollten von jenem grossen Heer lernen, das auf eine Behandlung bei ihnen verzichtet.

Was sollten Therapeuten von Selbstheilern lernen?

Unsere Studie zeigt beispielsweise, dass dem Entscheid des selbstständigen Ausstiegs ein Veränderungsprozess vorausgeht. Das Kernstück bildet dabei eine persönliche Bilanz der Punkte, die für und gegen die Fortsetzung einer Drogenkarriere sprechen. Bei diesem Prozess kann eine motivierende Gesprächstherapie die Selbstheilung sehr gut unterstützen. Wir sprechen hier vom Konzept der gestützten Selbstheilung.

Sollen sich Süchtige künftig selbst aus an den Haaren aus dem Sumpf ziehen?

Therapeutische Unterstützung und Selbstheilung sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Bei der gestützten Selbstheilung geht es um eine bessere Abstimmung und Dosierung von Hilfsangeboten. Einfache Interventionen und abgestufte Behandlungen erfüllen für viele Abhängige den Zweck und sind kostengünstiger als herkömmliche Therapien. Aufwendige Behandlungen sollten erst dann ins Auge gefasst werden, wenn die kleinen Schritte nichts gebracht haben.

Tun sich Schwerstsüchtige mit einem Ausstieg nicht viel schwerer als andere?

Auch im Bereich der Selbstheilung sind Schwerstsüchtige keine hoffnungslosen Fälle. Allerdings sollte die Heroin- und Methadonabgabe in Zukunft so gestaltet werden, dass die Abhängigkeit von den zuteilenden Instanzen vermieden werden kann. Es verhält sich dabei wie mit einem Arbeitslosen, der eine Million Franken auf dem Silbertablett serviert bekäme: Die Motivation, eine Arbeit zu suchen, dürfte sich dann in Grenzen halten. Ob materielle Unterstützung und Überlebenshilfen wirklich den Ausstieg aus einer Sucht fördern oder eher dazu führen, dass Betroffene in einen bequemen Therapiekreislauf geraten und das Potenzial zur Selbsthilfe geschwächt oder zumindest nicht gefördert wird? Dies sind Fragen, die diskutiert werden müssen.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang auch von der Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Haltung, die der gegenüber der Selbstheilung positiv eingestellt ist, einer "autoremissionsfreundlichen" Gesellschaft. Was ist damit gemeint?

Der Glaube an die Veränderungsmöglichkeit der Betroffenen muss gestärkt und alte Vorurteile sollen abgebaut werden. Entsprechende Präventionskampagnen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) - sie stellten eine Sucht ausnahmsweise nicht als ewigbleibenden Zustand dar - machten vor einiger Zeit den Anfang und sorgten für grossen Wirbel. Wenn jemand in eine Sucht gerät, heisst das nicht zwangsläufig, dass er bis zum bis zum Sankt Nimmerleinstag süchtig und unglücklich sein wird. Auch vor der Tatsache, dass ein kontrollierter Konsum möglich ist, darf man die Augen nicht länger verschliessen.

Wird mit solchen Aussagen nicht zum Drogenkonsum ermuntert?

Keineswegs. Ich will damit veranschaulichen, dass das Bild vom sich selbst aufgebenden, verwahrlosten Süchtigen nur auf eine Minderheit zutrifft. Diese Art von Betroffenen sind einfach die sichtbare Spitze des Eisberges und bilden die Grundlage für die bereits erwähnten Vorurteile: Einmal Junkie, immer Junkie.

Welche Süchtigen verfügen über die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Selbstheilung?

Die wichtigste Voraussetzung sind die sozialen und materiellen Ressourcen, also Beruf, Freundschaften, Informationszugang und finanzielle Mittel.

Genau darüber verfügen viele Süchtige nicht.

Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass dem nicht so ist. Ein neu überdachtes Hilfsangebot sollte sich aber auf eine Verbesserung dieser Lebensbedingungen konzentrieren. Je besser diese sind, desto stärker ist das Ausstiegspotential.

Welchem Grundmuster folgt der selbst organisierte Ausstieg?

Aufgrund der analysierten Lebensgeschichten kristallisierten sich drei Phasen heraus: die Motivationsphase, die Umsetzungs- und die Stabilisierungsphase. In der Entscheidungsphase spielten bei einigen der soziale Druck von aussen und damit verbundene soziale Sanktionen eine Rolle. Das natürliche Herausreifen aus der Sucht wurde häufig genannt oder der Umstand einer veränderten Lebenssituation beispielsweise die Gründung einer Familie sowie andere neue und positive Lebensziele. In der Umsetzungsphase halfen vielfältige und kreative Distanzierungstechniken, aber auch einfache Vorsätze wie zum Beispiel: Ab heute laufe ich nicht mehr jeden Tag an meiner Lieblingsbeiz vorbei. In dieser Phase wurde auch eine Konzentration auf Ersatzgenüsse beobachtet. Während der Stabilisierungsphase wirkte sich die Übernahme neuer Identitäten - beispielsweise als Helfer - positiv aus. Andere Teilnehmer begannen, sich spirituell zu orientieren. Es gab auch solche, die sich ganz bewusst mit Risikosituationen auseinander setzten und so ein neues Selbstvertrauen errangen.

Wer war nach vierzehn Jahren weiterhin erfolgreich?

Vor allem diejenigen, die sich mit einer möglichen Rückfallsituation auseinander gesetzt hatten und auf ein Umfeld zählen konnten, das an ihren Ausstieg glaubte.

Quelle:
"Weltwoche" Nr. 35, v. 26.8.2004
www.bag.admin.ch
Artikel modifiziert Montag 20. Juni 2005 16:35, Erscheinungsdatum Freitag 29. Oktober 2004 13:02

Forum des Artikels

> Die meisten Drogen- und Alkoholabhängigen können sich selber heilen
Das ist der erste Bericht dieser Art, den ich heute zufällig entdeckt habe. Ich war vor zwei Jahren für einige Tage in einer Klinik, zum Entzug und auch nur deshalb, weil meine Kinder Angst hatten, dass ich meine Arbeit verliere und ich durch die Einweisung eine Krankmeldung hatte.
Schon beim ersten Gruppenvortrag stellte ich fest, dass den Teilnehmern dermaßen Angst vor einem Rückfall eingeredet wurde, auf die Art"schon beim nächsten Glas-Pille-Zug, bist wieder abhängig" Damit hatte ich damals das Gefühl nie wieder als gesunder Mensch behandelt zu werden, die "sogenannte Krankheit anzunehmen und ein Leben lang zu kämpfen. Aber in meinem Inneren spürte ich, dass es nicht so ist. Einige Teilnehmer waren bis zu zehnmal zur Therapie, ohne Erfolg. Einige waren bis zu vierzig mal zur Entgiftung, weil es auch da hieß Kaltentzug ist lebensgefährlich und bei einem Rückfall sollte man gleich wieder in die Klinik kommen.
Ich hatte bis vor einer Woche mehrere Rückfälle,immer selbst entzogen, am Anfang mit Angst, später nicht mehr. Vor einer Woche habe ich den Kontakt zu Leuten abgebrochen, die sogar täglich trinken, wahrscheinlich weil ich innerlich kapiert habe, dass diese mir nicht gut tun. Seitdem habe ich keine Angst mehr, der sogenannte Klick..........von den Problemen her, erlebe ich momentan die schlimmste Zeit meines Lebens, aber das ist es. Ich habe nicht das Bedürfnis zu trinken und auch keine Angst mehr wenn ich demnächst mal zum Essen ein Glas Wein trinke.
Glaube nicht, dass es Zufall ist, gerade jetzt auf so einen Bericht zu stoßen, macht mich noch stärker.

Würde mich interessieren, ob es mehreren so geht.

Fazit, alles Schlechte hat sein Gutes, war schon immer mein Motto

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Die Webseite besuchen : Weg aus der Abhängigkeit in Selbsthilfe : http://sybille_lachmann@web.de
17 August 2007 von Normalo
  > Die meisten Drogen- und Alkoholabhängigen können sich selber heilen
 
leider ist, wenn man einmal einen Fehler gemacht hat, der Druck der Familie und der Gesellschaft so groß, dass einem nicht mehr vertraut wird. Ich habe leider das Gefühl, das man mir hinterherspioniert, auf jeder Feierlichkeit wird für mich geantwortet: "nein Sie trinkt nicht". Leider hat dies dazu geführt, dass ich 1-2 mal im Monat heimlich für mich allein trinke und dies natürlich bemerkt und entsprechend kommentiert wird. Wie schön wäre es, wenn ich mal wieder in Gesellschaft ein wenig trinken könnte ohne geächtet zu werden, dann würde ich nicht heimlich trinken. Mir macht es Angst, so ausgeschlossen zu sein, fresse zwar Artikel, die sagen, es gibt einen Weg aus der Sucht, schöpfe Mut für mich, habe aber von meiner Familie hierzu keine Unterstützung, leider....

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  15 10 2007
 

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