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Drogenhilfe: "Die Jugendlichen kommen nicht, weil sie Probleme mit dem Konsum haben, sondern mit der Justiz und den Eltern!"

„Die Regierung verhaftet diese Leute, zwingt sie zu einer Behandlung und führt dann diese Zahlen als Beweis für die Suchtgefahren von Marijuana an“, - so der Sprecher des „Marijuana Policy Project“

Die Geschichte des Cannabis-Verbots geht einher mit einer Geschichte der vermeintlichen Gefahren, die dieses Verbot begründeten. Den Anfang machte in den 30er Jahren in den USA das „Mörderkraut“, die Behauptung, dass Cannabis aggressiv mache und die Konsumenten zu Mordtaten verleite. Mit Bildern gräßlich zugerichteter Opfer, mit Filmen wie „Reefer Madness“ und Büchern wie „Marijuana - Mörder der Jugend“ wurde die erste große Kampagne der Cannabis-Prohibition geführt, die 1937 in den USA - und nach dem 2. Weltkrieg in der gesamten westlichen Welt - zum Verbot führte. Spätestens als in den 60er und 70er Jahren Propaganda-Filme wie „Reefer Madness“, in denen ein einziger Zug am Joint zu Wahnsinn und Mordgelüsten führte, zu riesigen Lacherfolgen in alternativen Kinos wurde, mußten neue Begründungen für eine Beibehaltung des Verbots her - und wie schon in den 30ern waren „Experten“ und Mediziner nicht faul, der Politik zu Hilfe zu eilen. Niemand redete jetzt mehr vom aggressiv machenden „Mörderkraut“ - nun lautete die Gefahren-Parole genau umgekehrt „Hasch macht lasch!“. Wobei das nicht allzu gefährlich klang, weshalb eine zweite Gefahr dazu erfunden werden mußte, die von der „Einstiegsdroge“. Dass Cannabis toxikologisch zu den ungefährlichsten Drogen überhaupt gehört - bei jedem Küchengewürz liegt die tödliche Dosis weitaus niedriger als bei Hanf - aus diesem wissenschaftlich eindeutigen Befund wurde eine besondere Heimtücke gedreht: gerade diese vergleichsweise Harmlosigkeit sei die große Gefahr, denn sie führe zum Einstieg auf härtere Drogen. Und haben nicht 99% aller Heroinsüchtigen zuvor Hasch geraucht - na also ! Die Tatsache, dass 100% aller Heroinsüchtigen zuvor auch Muttermilch konsumiert hatten, hinderte die Theorie von der „Einstiegsdroge“ nicht daran, über Jahrzehnte die Parade der Cannabisgefahren anzuführen. Heute wird sie zwar von keinem ernstzunehmenden Fachmann mehr explizit vertreten, in den Köpfen einiger Anti-Drogen-Hardliner schwirrt sie aber - nach dem Motto „Wehret den Anfängen“ - nach wie vor herum.

Die etwas zeitgemäßeren Vertreter der Prohibitions-Politik freilich haben seit Mitte der 90er Jahre zwei neue Gefahrenherde ausgemacht:- das horrible „Mörderkraut“ ist zwar ebenso passé wie die psychologisch heimtückische „Einstiegsdroge“ - in modifizierter Form fristen aber beide immer noch ihr Unwesen. Zum einen mit dem Verweis auf die stark gestiegenen THC-Werte in manchen Cannabis-Züchtungen, und zum anderen auf die ebenso stark gestiegene Nachfrage nach „Cannabis-Therapie“. Immer mehr, vor allem junge Menschen, suchen wegen ihrer „Cannabis-Abhängigkeit“ Beratungs-und Therapieeinrichtungen auf - diese Botschaft dominiert seit einigen Jahren den Gefahrenkatalog, gefolgt von den Warnungen, dass Cannabis nicht mehr das harmlose Hippiezeug von einst sei, sondern aufgrund des erhöhten THC-Gehalts weitaus gefährlicher.

In der Tat haben die Züchtungen der Hanfpflanze in neuerer Zeit erstaunliche Fortschritte gemacht, sowohl was die Steigerung, als auch was die Verringerung des psychoaktiven Wirkstoffs Tetrahydrocannabinol in den Hanfblüten betrifft. So gibt es heute Hanfsorten für die Fasergewinnung mit einem THC-Gehalt von unter 0,3 % - und andere Sorten, deren im Treibhaus oder unter Kunstlicht gewachsenen Blüten einen THC-Gehalt von 20% aufweisen. Von ersteren könnte man einen ganzen Sack rauchen, ohne den Ansatz einer Wirkung zu spüren, während von den gehaltreichen Marijuana-Sorten schon eine kleine Prise ausreicht. Aus diesen neuen Züchtungen nun aber eine gestiegene Gefahr durch Cannabis abzuleiten, ist aus mehrerern Gründen falsch.

Zum einen zeigen die Statistiken der polizeilichen Beschlagnahmungen sowie eine Studie der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA, 2004), dass von einem allgemeinen Anstieg des THC-Gehalts keine Rede sein kann: er liegt bei Haschisch nach wie vor bei 8% und bei Marijuana im Durchschnitt zwischen 1- 5%, trotz einiger „Ausreißer“ mit 15% und mehr THC, die aber auf dem Markt keine große Rolle spielen. Zum anderen bedeutet ein höherer THC-Gehalt ein vermindertes Schadstoffrisiko beim Rauchen, da weniger Cannabis konsumiert werden muß um die gleiche Wirkung zu erzielen - ein höherer THC-Gehalt bringt insofern also eher eine Verminderung der Gesundheitsgefahren mit sich. Da die Schädigungen einer Überdosierung bei Cannabis gering sind - ein tödliche Dosis ist nicht bekannt, die gesamte Medizingeschichte kennt keinen „Marijuana-Toten“ - kann auch die Gefahr einer versehentlichen Einnahme von „hochprozentigem“ Cannabis als gering eingeschätzt werden. Kurz: ähnlich wie bei der alten Prohibtionsparole von der „Killerdroge“ handelt es sich bei den neuen Gefahren THC-reicher Cannabissorten („20 mal stärker als das alte Hippiekraut!“) um ein Horrormärchen - und kaum anders verhält es sich mit der Behauptung der angeblich stark gewachsenen Nachfrage nach Therapie bei Cannabisproblemen.

Der Anstieg cannabisbezogener Probleme in der ambulanten Drogenhilfe zeige, so argumentieren die Drogenbeauftragen diesseits und jenseits des Atlantiks, dass die Cannabisgefahren keineswegs unterschätzt werden dürften - und die Prohibition deshalb beibehalten werden müsse. Auch die deutsche Bundesdrogenbeauftragte Caspers-Merck führt dieses Argument regelmäßig an, auch wenn ihr Drogenberater zunehmend widersprechen: "Die Zahlen sind totaler Quatsch", meldet sich etwa eine Mitarbeiterin der Drogenhilfe bei einer Diskussion in Nürnberg zu Wort: "Die Jugendlichen kommen nicht, weil sie Probleme mit dem Konsum haben, sondern mit der Justiz und den Eltern!"

Diese Einsicht wird jetzt von einer Studie (1) aus den USA bestätigt, wo die„Substance Abuse and Mental Health Services Administration“ (SAMHSA) herausfand, dass nur 17% aller Personen, die wegen eines Cannabisproblems die Drogenhilfe aufsuchten, aus freien Stücken kamen, weil sie ein Problem mit dem Konsum hatten. Der überwiegenden Mehrheit (58%) wurde von der Justiz, oder von Arbeitgebern, Schulen oder Eltern (20%) verordnet, eine solche Therapieeinrichtung aufzusuchen. Vor allem „Ersttätern“, denen wegen Cannabisbesitz ansonsten Haftstrafen drohen, wird als Alternative „Therapie“ angeboten - und weil viele dieses Angebot annehmen erklärt sich die wachsende Beratungsnachfrage bei Cannabisproblemen wie von selbst. Sie hängt direkt mit der wachsenden Zahl von Strafverfahren wegen Cannabis zusammen, die sich in den USA von 1992 - 2002 auf 700.000 etwa verdoppelt hat , ebenso wie die Zahl „Therapiesuchenden“, die 2002 bei 280.000 lag. Das diese Zahl ein Artefakt ist, das weniger mit real gewachsenen Cannabisproblemen zu tun hat, sondern mit einer eskalierenden Strafverfolgung, liegt auf der Hand. „Die Regierung verhaftet diese Leute, zwingt sie zu einer Behandlung und führt dann diese Zahlen als Beweis für die Suchtgefahren von Marijuana an“, - so der Sprecher des „Marijuana Policy Project“, Bruce Mirken. „Das ist eine wahrhaft Orwell’sche Argumentation.“ Das Zeitalter des „Reefer Madness“ ist also noch nicht zu Ende, der Prohibitonseifer - und seine pseudo-wissenschaftlichen Horrorbilder - zeigen sich nur in etwas modernisiertem Gewand.

Mathias Bröckers

(1) http://stopthedrugwar.org/chronicle... http://www.cannabislegal.de/argumen...

Artikel modifiziert Mittwoch 6. Juli 2005 03:59, Erscheinungsdatum Mittwoch 6. Juli 2005 03:56

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