Drogentests in Schule und Familie: umstrittene Praxis
In der Schweizer Arbeitswelt, insbesondere in den Ausbildungsstätten junger Menschen, hat die Praxis der Drogentests in der letzten Zeit zu hitzigen Diskussionen über Sinn und Zweck dieser Massnahme geführt. Wie steht es in Sachen Drogentests an den Schulen und in den Familien aus? Standpunkte hat sich diesseits und jenseits des Röstigrabens umgehört.
John, 16, (Name geändert), besucht eine internationale Privatschule in der Nähe Genfs. Seine Mutter ist engagierte Elternvertreterin. "Die Schule und die Lehrerschaft sind sehr aufmerksam hinsichtlich Drogen", erklärt sie. "Das gehört quasi zum Service und soll uns Eltern beruhigen". John glaubt nicht, dass an seiner Schule schon Tests durchgeführt wurden. "Aber vor einiger Zeit hat man uns angedroht, die ganze Klassenstufe durchzutesten, wenn weiterhin Schüler bekifft in den Unterricht kommen", erzählt er.
Der Leiter der französischsprachigen Sektion einer anderen internationalen Schule im Kanton Waadt meint auf Anfrage: "Wir haben keine Drogenprobleme, also brauchen wir auch keine Drogentests".
Die Tatsache regelmässiger Drogentests in Schulen ihres Verbandes bestätigt auch die Geschäftsführung des Verbandes Schweizer Privatschulen.
Er fügt dann aber lachend hinzu: "Ich glaube, letzte Woche haben sie in der Oberstufe wieder einige Tests machen müssen, die waren aber alle negativ". Er empfiehlt, das Thema nicht unbedingt mit der Schulleitung zu besprechen: zu heiss!
Regelmässige Drogentests: an Privatschulen üblich
Die Tatsache regelmässiger Drogentests in Schulen ihres Verbandes bestätigt auch die Geschäftsführung des Verbandes Schweizer Privatschulen (VSP) ohne Hemmungen und verweist für Einzelheiten an die Leitung einiger exklusiver Schulen in der Romandie und in der Deutschschweiz. Dort scheut man sich nicht - wie im Institut auf dem Rosenberg - die Praxis von Drogentests als ausgesprochen positiv darzustellen. So müssen sich die Schüler und Schülerinnen als Aufnahmebedingung für solche Tests zur Verfügung stellen: "Wer in irgendeiner Art auffällig wird, zum Beispiel unentschuldigte Absenzen, emotionale Unausgeglichenheit, ungewöhnliche Reaktionen, muss Urin abgeben - in so genannte Uroboxen", teilt Monika A.-Schmid mit. "Fällt ein solcher Test positiv aus, muss der Schüler die Schule fristlos verlassen".
In öffentlichen Schulen wird überlegt...
Verlässt man die etwas spezielle Welt der exklusiven Privatschulen und begibt sich in die vielfältige Landschaft des öffentlichen Schulwesens, wird es schwierig einen verlässlichen Überblick zu gewinnen. Gemäss Vigeli Venzin von der Fachstelle Suchtprävention Mittelschulen und Berufsbildung des Kantons Zürich wird im Bereich der öffentlichen Berufsschulen über Drogentests nachgedacht, konkrete Versuche habe es aber wohl noch nicht gegeben. Grundsätzlich sieht Venzin keinen Sinn darin, mit repressiven Mitteln an Drogenprobleme heranzugehen: "Drogentests in Schulen führen doch nur zu einer Vergiftung des pädagogischen Klimas". Abgesehen von den praktischen Erwägungen, wie solche Massenscreenings überhaupt durchgeführt werden sollen, stellt sich für Venzin auch folgende Frage: "Was geschieht denn mit den Kids, die positive Testwerte haben? Werden die dann gefeuert?" An öffentlichen Schulen ist ein Schulausschluss wegen Drogenkonsums in der Regel allerdings nicht möglich. Drogentests werfen für Venzin also mehr Fragen auf, als sie lösen.
"Urintests in öffentlichen Schulen und Berufsschulen sind rechtlich umstritten", erklärt Maria Saraceni, Fürsprecherin der Abteilung Sucht und Aids beim Bundesamt für Gesundheit. "Sie stellen einen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte und in den Datenschutz dar und brauchen daher, wie es bei Eingriffen in die Grundrechte üblich ist, eine gesetzliche Grundlage. Die Massnahme muss verhältnismässig und im öffentlichen Interesse sein". Für Saraceni ist die Zweckmässigkeit der Tests fraglich, da sie nichts zum Verständnis des eigentlichen Problems beitrügen und zudem bis zu 20 Prozent der Resultate falsch sein können. Der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte erklärt auf Anfrage, dass er diese "wichtige Thematik" im Laufe dieses Sommers eingehend behandeln will.
"Drogentests in Schulen führen doch nur zu einer Vergiftung des pädagogischen Klimas"
Eltern testen ihre Kinder
Eltern testen ihre Kinder auch selber, wenn sie Drogengefahren wittern. Die entsprechenden Testkits kann man sich in zahlreichen Apotheken besorgen. Fabienne Hutin von der Féderation Romande des Associations des Parents et Personnes concernées par la Drogue (FRAPCD) erhält regelmässig Werbung von den Herstellern dieser Tests. Hutin kennt persönlich keine Eltern, die solche Tests verwenden. "Die Mitglieder unserer Vereinigung halten diese Tests aber für nützlich", erklärt sie. "Eltern können sie einsetzen, wenn sie mit ihren Kindern über Drogenabstinenz verhandeln".
Antonia Biedermann vom Verband der Elternvereinigungen Drogenabhängiger Jugendlicher (VEV-DAJ) hält Drogentests für ein sehr schwieriges Thema: "Wir raten Eltern in der Regel von Urintests ab, denn Drogenkonsumenten haben wirklich alle Tricks drauf, um derartige Tests zu manipulieren. Drogentests in der Schule erachte ich als sehr problematisch, denn damit würde die Stigmatisierung schon in der Schule beginnen und die Austrickserei schon von den Schulkindern gelernt. Vielleicht glauben die Lehrer, sie können das Drogenproblem mit solchen Tests kontrollieren. Dies ist aber mit diesem Instrument nicht möglich. Im Gegenteil, das gegenseitige Misstrauen würde noch verstärkt".
"Urintests in öffentlichen Schulen und Berufsschulen sind rechtlich umstritten"
Fachleute auf dem Gebiet Eltern-Kind-Interaktion vom "Services familles", einer Beratungsstelle in Genf, sehen das Problem der Zerstörung des Vertrauens bei Drogentests in der Familie ebenfalls, leiten daraus aber keine radikale Ablehnung jeglichen Einsatzes dieser Instrumente ab. Aus familiensystemischer Sicht muss nach Ansicht von Philip Nielsen die Bedeutung der Tests als Kontrollinstrument differenziert betrachtet werden. Werde er vom Jugendlichen selber verlangt, um den Eltern seinen "guten Willen" (sprich Drogenabstinenz) objektiv zu beweisen, sei ein Test nicht notwendigerweise schlecht. Als Kontrollstrategie in konfliktträchtigen Eltern-Jugendlichen- Konstellationen hingegen führen Tests eher zur Eskalation der Probleme: "Was macht die Familie mit den Resultaten? Vor allem, wenn sie positiv sind? Welche Sanktionen soll es geben?" Erst wenn diese Fragen sinnvoll beantwortet worden seien, könne eine Diskussion über den Einsatz von Drogentests ein fruchtbarer Bestandteil der Lösung von drogenbezogenen Problemen werden. Natürlich stets mit den Einverständnis aller Beteiligten.
Eltern testen ihre Kinder auch selber, wenn sie Drogengefahren wittern. Die entsprechenden Testkits kann man sich in zahlreichen Apotheken besorgen.
Drogentests bringen eher wenig
Drogentests scheinen in zu sein. Im therapeutischen Umfeld finden sie sogar eine gewisse Akzeptanz und werden fachlich nach genauer Aufklärung und Zustimmung aller Beteiligten eingesetzt. Widerstand erhebt sich dort, wo Drogentests als Screeningverfahren oder pädagogisches Hilfsmittel fungieren sollen. Abgesehen von der Frage der Zuverlässigkeit der Testverfahren und der stets gegebenen Möglichkeit ihrer Manipulation, wird der Nutzen dieser Massnahme grundsätzlich in Frage gestellt. Die Tests sagen nichts aus über den Drogenkonsum, drogenbezogene Probleme oder gar eine Drogenabhängigkeit, sondern geben lediglich einen Hinweis darauf, dass ein Kontakt mit illegalen Substanzen stattgefunden hat. Sie bedürfen also allemal genauerer Bestätigung. Werden in der Schule oder im Elternhaus Drogentests gegen den Willen der Jugendlichen - unter welchem "konstruktiven Zwang" auch immer - durchgeführt, vergiften sie das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern, Lehrpersonen und den Jugendlichen und setzen alle Beteiligten unter Zugzwang. Erziehende müssen bei konstatiertem Drogenkontakt handeln, ohne genau zu wissen wie, und Jugendliche tun alles, um Testergebnisse zu manipulieren. Unter derartigen Verhältnissen bleibt eine pragmatische und effiziente Drogenprävention meistens auf der Strecke.
Was taugen Drogentests?
Wer testen will, braucht zuverlässige Instrumente. Anders als bei Atem- und Blutalkoholtests sind die Tests zur Bestimmung illegaler Substanzen in Körperflüssigkeiten (Blut, Urin, Speichel, Schweiss) oder im Haar wesentlich komplexer und fehleranfälliger. Die gegenwärtig am häufigsten verwendeten Tests sind solche mit Urinproben auf der Basis immunologischerVerfahren. So genannte Schnelltests lassen sich in wenigen Minuten an jedem beliebigen Ort vornehmen, vorausgesetzt die Bedingungen der Probenabnahme, wie z.B. Hygiene, sind erfüllt. Immunologische Tests basieren auf der Bindung von Antikörpern im Testgerät mit Substanzspuren in den Körperflüssigkeiten. Je nach Eliminationszeit der Substanzen im Körper und der festgelegten Nachweisgrenze des Tests wird durch eine Farbreaktion ein Kontakt mit einer Substanzgruppe angezeigt. Das Ablesen der Werte, gerade im Grenzbereich, verlangt eine Schulung. Nicht qualifiziertes Testen, etwa von Eltern oder Lehrpersonen, ist stark fehleranfällig. Die Tests können weiterhin von breiter Kreuzreaktivität sein und zum Beispiel codeinhaltigen Hustensaft oder Morphin als Opiat anzeigen. In derartigen Fällen kommt es zu falschen positiven Testergebnissen. Positive Schnelltests müssen daher stets durch genauere Testverfahren bestätigt werden.










