Extrakt aus Hanf fürs Herz
Im Tierversuch schützte der Cannabis-Stoff THC Mäuse vor Arteriosklerose.
VON PETER SPORK, 21.06.05, 07:48h Kölner Stadt Anzeiger
„Hanf vermindert die bösen Säfte und macht die guten stark“, soll Hildegard von Bingen schon im zwölften Jahrhundert erkannt haben. Lange boomte die einstige Heilpflanze Cannabis vor allem als illegale Droge. Erst seit einem Jahrzehnt erobert sich die Medizin das Kraut zurück. Tetrahydrocannabinol (THC), der reine Cannabis-Wirkstoff, wird in Form von Tabletten verkauft. Manche Länder, darunter einige US-Staaten, gestatten sogar das Rauchen ärztlich verordneter Joints.
Anerkannte Einsatzgebiete sind die Appetitsteigerung bei Krebs und Aids, die Bekämpfung der Übelkeit von Krebspatienten während und nach einer Chemotherapie, die Senkung des Augeninnendrucks bei Grünem Star. In Zukunft könnte eine THC-ähnliche Substanz sogar noch breitere Bevölkerungsschichten erreichen. Denn es gibt Hinweise, dass der Stoff zur Vorbeugung vor Herzinfarkten taugt.
Zumindest seien die so genannten „Cannabinoide“ - so nennen Mediziner alle Stoffe, die im Körper die gleichen Reaktionswege aktivieren wie das THC - „nützliche Zielstrukturen für die Bekämpfung der Arteriosklerose“, schrieb ein Forscherteam um den Genfer Kardiologen François Mach im britischen Magazin „Nature“ (Bd. 434, S. 782).
Die Mediziner testeten die Wirkung bei Mäusen mit entzündeten Herzkranzgefäßen. Schon bei kleinen Dosen von THC entwickelten die Versuchstiere deutlich schwächere arteriosklerotische Ablagerungen („Plaques“) als eine unbehandelte Vergleichsgruppe. Der positive Effekt auf die Entzündungsherde, die Herzinfarkte auslösen können, blieb aus, sobald die Nager eine weitere Substanz erhielten, die den „CB2“-Rezeptor blockiert - eine Andockstelle für das körpereigene, vor allem auf Immunzellen sitzende Cannabinoid „Anandamid“. Mach folgert daraus, dass das THC die Aktivität des Immunsystems in den Herzkranzarterien unterdrückt und damit entzündungshemmend wirkt. Hervorragend passt dazu eine Studie des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München aus dem vorigen Jahr. Das Team um Beat Lutz hatte gezeigt, dass Mäuse, denen Cannabis-Rezeptoren fehlen, extrem leicht Darmentzündungen bekommen („Journal of Clinical Investigation“ Bd. 113, S. 1202). Jetzt gehe es vor allem darum, Stoffe zu finden, die gezielt die „CB2“-Rezeptoren aktivieren, meint der US-Mediziner Michael Roth („Nature“ Bd. 434, S. 708). Keinesfalls sei jedoch „das Rauchen von Marihuana gut fürs Herz“, warnt er. Ganz im Gegenteil: Viele negative Effekte der Droge wirken über einen „CB1“ genannten Rezeptor im Gehirn - darunter ein plötzlicher Anstieg von Blutdruck und Puls, gefolgt von einem scharfen Blutdruckabfall.










