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Fachtagung zum "Jugendkult" Cannabis

Unter dem Titel "Jugendkult Cannabis: Risiken und Hilfen" ist heute die zweitägige Fachkonferenz zu Ende gegangen, zu der die Parlamentarische Staatssekretärin und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk, Expertinnen und Experten aus Politik, Wissenschaft und Praxis eingeladen hat. Ziel der Tagung war zum einen zu klären, wie sich die Konsummuster bei Cannabis in den letzten Jahren verändert haben. Zum anderen wurde diskutiert, welche Strategien der Prävention und Behandlung am geeignetesten sind, um dem problematischen Konsum vor allem unter Jugendlichen zu begegnen.

Dazu erklärt Marion Caspers-Merk: "Der Cannabiskonsum hat heute eine andere Dimension als noch zu Flower-Power-Zeiten, als am Wochenende vielleicht mal ein Joint die Runde machte. Überall in Europa nimmt der Cannabiskonsum zu. Die große Mehrheit der Konsumenten belässt es bislang bei einem bloßen ‚Probieren‘. Gleichzeitig kiffen aber immer mehr junge Leute in exzessivem Ausmaß und sind praktisch den ganzen Tag ‚breit‘. Hiervon sind besonders junge Männer betroffen, die sich noch in der schulischen bzw. beruflichen Orientierungsphase befinden.

Auch ist das Einstiegsalter in den letzten Jahren gesunken. Cannabis ist die einzige illegale Droge, bei der in den letzten Jahren das Durchschnittsalter beim Erstkonsum gesunken ist: Während es 1993 noch bei 17,5 Jahren lag, liegt es aktuell bei 16,4 Jahren, wie die heute veröffentlichte ‚Drogenaffinitätsstudie‘ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung herausgefunden hat. Deshalb ist Frühintervention besonders wichtig, weil man weiß, dass das Risiko für eine psychische Abhängigkeit umso größer ist, je früher die Jugendlichen zum Joint greifen.

Das bisherige Hilfesystem ist nicht auf diese neuen exzessiven Konsummuster bei Cannabis eingerichtet. Junge Cannabiskonsumenten können nicht mit den gleichen Methoden behandelt werden wie beispielsweise zumeist ältere Alkoholkranke oder Opiatabhängige. Das Beratungs- und Therapieangebot muss stärker auf die Zielgruppe der jugendlichen Cannabiskonsumenten ausgerichtet werden. Die Bundesregierung geht hier bereits neue Wege, wie z. B. mit dem internetgestützten Ausstiegsangebot ‚Quit the Shit‘ oder dem deutsch-schweizerischen Projekt ‚Realize it!‘"

Auf der Tagung wurden Handlungsempfehlungen verabschiedet, die im Anhang zu dieser Pressemitteilung zu finden sind.

Cannabis ist der am häufigsten konsumierte illegale Suchtstoff. In Deutschland haben über 9 Mio. Menschen Erfahrung mit Cannabis, fast 400.000 weisen einen missbräuchlichen oder abhängigen Konsum auf. In der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen hat die Verbreitung von Cannabis zwischen 1992 und 2002 um das 2,7fache zugenommen. Jeder Zweite, der heute wegen des Konsums illegaler Drogen zum ersten Mal in seinem Leben eine Beratungsstelle aufsucht, kommt wegen Cannabis. Die vom Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung beauftragte Studie über "Cannabisbezogene Störungen - Umfang, Behandlungsbedarf und Behandlungsangebot in Deutschland" hat eine Zunahme bei den Beratungen in den erfassten ambulanten Einrichtungen auf fast das 6fache innerhalb von 10 Jahren festgestellt. Die Studie ist im Internet unter www.drogenbeauftragte.de zu finden.

Die Studie "Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2004, Teilband Illegale Drogen" finden Sie unter www.bzga.de

Handlungsempfehlungen
von Expertinnen und Experten aus Politik, Wissenschaft und Praxis zum Thema
"Jugendkult Cannabis: Risiken und Hilfen"
am 29. und 30. November 2004 in Berlin

Expertinnen und Experten aus Politik, Wissenschaft und Praxis haben sich auf der Fachtagung der Drogenbeauftragten der Bundesregierung "Jugendkult Cannabis: Risiken und Hilfen" zu einer Risikoabschätzung des Cannabiskonsums beraten und auf folgende Handlungsempfehlungen zur Prävention und Behandlung verständigt.

- 1. Cannabis ist in Deutschland weiterhin der am häufigsten konsumierte illegale Suchtstoff. Nach einer aktuellen Befragung hat unter den 18- bis 25-Jährigen jeder fünfte Jugendliche Cannabis im letzten Jahr konsumiert, im letzten Monat mehr als jeder siebte. Fast jeder Zweite in dieser Altersgruppe hat mindestens einmal Cannabis probiert. In der Altersgruppe der 12 bis 15-jährigen haben bereits 7% mindestens einmal Cannabis konsumiert. Die Zahl der Cannabiskonsumenten (innerhalb der letzten 12 Monate) der 18- bis 39-Jährigen ist zwischen 1990 und 2003 deutlich von 5% auf über 12% gestiegen. Mehr als ein Drittel der Cannabiskonsumenten konsumiert häufig, teilweise mehrfach täglich und häufig in Verbindung mit anderen psychoaktiven Substanzen. Auch in der Europäischen Union steigt der Cannabiskonsum unter Jugendlichen an. Knapp 10% der Cannabiskonsumenten mit einem häufigen Konsum können als abhängig eingestuft werden.

- 2. Notwendig ist eine sachliche, glaubwürdige und ideologiefreie Diskussion über das Thema Cannabis. Dies gilt insbesondere auch für Informations- und Präventionsmaßnahmen. Drogenkonsum ist immer mit Risiken verbunden. Die spezifischen Risiken des Cannabiskonsums werden immer noch zu wenig wahrgenommen. Es besteht eine teilweise besorgniserregende Unkenntnis über das Risikopotential von Cannabis.

- 3. Die Bewertung des Cannabiskonsums erfordert eine differenzierte Betrachtung. Die gesundheitlichen Gefahren beim gewohnheitsmäßigen und abhängigen Konsum müssen klar kommuniziert werden. Deutliche Präventionsbotschaften sind wichtig: häufiger Cannabiskonsum ist nicht harmlos, er kann zu physischen, psychischen und sozialen Beeinträchtigungen führen. Ein Probierkonsum von Cannabis führt nicht automatisch zur Abhängigkeit, er sollte jedoch vor allem hinsichtlich seiner Risiken im Kontext von Schule, Arbeit, Straßenverkehr, bei Dispositionen zu oder vorhandenen psychischen/psychiatrischen Störungen thematisiert werden.

- 4. Cannabisbezogene Störungen können von Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten über Beeinträchtigungen der Reaktionsgeschwindigkeit und des Urteilsvermögens bis hin zu Depressionen, Phobien und Abhängigkeit reichen. Cannabiskonsum wird auch als Auslöser schizophrener Störungen diskutiert.

- 5. Präventions- und Informationsmaßnahmen haben riskante Konsummuster und ein frühes Einstiegsalter stärker zu berücksichtigen. Die Maßnahmen müssen zielgruppenspezifisch entwickelt, erprobt und angeboten werden. Erfolgreiche Beispiele und bewährte Strategien der Prävention wie z.B. FreD oder soziale Trainingskurse müssen besser kommuniziert und übernommen werden.

- 6. Beratungs- und Therapieangebote sind stärker auf die Zielgruppe der Konsumenten mit riskanten Konsummustern auszurichten. Für diese Zielgruppe muss eine glaubwürdige Kommunikation angeboten werden, die mit der Lebensweise und den Erfahrungen der meist jugendlichen Konsumenten in Einklang steht. Neue und innovative Beispiele mit proaktiver Beratung, wie z. B. "Quit the Shit" oder "Realize it" sowie familientherapeutisch orientierte Maßnahmen müssen weiter entwickelt und ihre Ergebnisse evaluiert werden.

- 7. Der Aufbau von Netzwerken zwischen den beteiligten Gesundheitsberufen, der Suchthilfe, der Jugendhilfe, des Bildungsbereichs (insbesondere Schulen) und Elterninitiativen ist für eine frühere Erreichbarkeit von Konsumenten mit einem riskanten Konsum und der Vermittlung eines professionellen Beratungs- oder Therapieangebotes von entscheidender Bedeutung. Über diese Netzwerke soll der wichtige Austausch von Informationen und Erfahrungen als umfassender ‚best practice-Transfer‘ gefördert und unterstützt werden. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Suchthilfesystem ist eine suchtmedizinische wie entwicklungspsychologische Weiterqualifizierung zu cannabisbezogenen Störungen zu empfehlen, um frühzeitiger angemessene Hilfen leisten zu können.

Bundesministerium für Gesundheit
Artikel modifiziert Freitag 3. Dezember 2004 22:26, Erscheinungsdatum Mittwoch 1. Dezember 2004 11:23

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