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Flachs und Hanf fürs Emmental

Hanf und Flachs gehörten lange Zeit zu den wichtigsten Kulturpflanzen im Emmental. Heute haben sie hier keine Bedeutung mehr. Doch das könnte sich ändern, meint eine Projektgruppe. Sie will der Pflanze zu neuem Glanz verhelfen.

WOCHEN-ZEITUNG FÜR DAS EMMENTAL UND ENTLEBUCH www.wochen-zeitung.ch 22.10.2009 Silvia Ben el Warda-Wullschläger

Bis vor gut hundert Jahren war die Hanf- und Leinenverarbeitung im Emmental ein wichtiger Wirtschaftszweig. Zahlreiche Leinenwebereien und Spinnereien boten Arbeitsplätze, viele Bauersfrauen arbeiteten an ihrem eigenen Webstuhl. Die jährlich stattfindende «Brächete» in Zäziwil zeugt davon. Hanf, Flachs (Leinen) und Wolle waren damals die einzigen Rohstoffe für Textilien. Das änderte sich mit dem Siegeszug der Baumwolle. Diese war (auch dank der Sklavenwirtschaft und dem Erdöl) günstiger und einfacher zu verarbeiten. Der Niedergang von Flachs und Hanf war damit besiegelt. Seither fris- ten diese beiden Pflanzen auch im Emmental, in einem traditionellen Anbaugebiet, ein Schattendasein. Zu unrecht, wie Ernst Flückiger, Standortleiter Inforama Bäregg, meint. Die Pflanzen könnten vielseitig genutzt werden (siehe Kasten) und eigneten sich für den Anbau im Emmental. Es gebe hier genügend Niederschläge, zudem könnten die robusten Pflanzen auch ein rauheres Klima ertragen.

Heute überlegen für morgen

Ernst Flückiger und Hans Haslebacher sind die Initianten einer Projektgruppe, die ein Kompetenzzentrum für Hanf und Flachs im Emmental einrichten möchte. Die Idee ist, mit dem einheimischen Rohstoff Textilien herstellen zu können. Das ganze steht vor dem Hintergrund höherer Preise auf dem Rohstoffmarkt. «Steigen die Erdölpreise, und davon ist auszugehen, werden auch Textilfasern teurer. Denn um die Baumwolle in die ganze Welt zu transportieren, braucht es Unmengen an Öl», erklärt Ernst Flückiger. Aber auch für Kunstfasern, Kunststoffe und vieles andere müssten massiv höhere Preise bezahlt werden. Einheimische Fasern, Garne und Stoffe aus Flachs und Hanf könnten damit plötzlich wieder konkurrenzfähig werden. «Wir wollen bereits heute überlegen, was wir tun können, wenn dieses Szenario eintrifft», betont Ernst Flückiger.

Internationales Symposium

Auch Hans Haslebacher weist darauf hin, dass kurzfristig nicht Hanf oder Flachs im grossen Stil angebaut werden könne. «Wir setzen uns keinen engen Zeithorizont, sondern denken an die nächsten zwei, drei Jahrzehnte. Wir wählen den Weg der kleinen Schritte.» Als nächstes soll eine Interessengemeinschaft (IG) Hanf und Flachs gegründet werden. Ein weiterer Fixpunkt ist der April 2010. «Weiter planen wir ein internationales Symposium auf der Bäregg», sagt Ernst Flückiger. Dazu wollten sie alle Akteure einladen, von der Forschung über die Verarbeitung bis zum Anbau. Zudem soll das Wissen, das im Emmental noch vorhanden ist, gesammelt werden. Weil dies alles kostet, soll der Kanton eine Anschubfinanzierung über die Neue Regionalpolitik (NRP) sprechen. Ein entsprechendes Gesuch ist bereits eingereicht worden. Sowohl Haslebacher als auch Flückiger rechnen sich gute Chancen aus. «Unser Projekt bringt der Region Wertschöpfung und neue Arbeitsplätze. Damit erfüllen wir die Bedingungen.»

Interesse ist vorhanden

Dass eine Wiederbelebung des Hanf- und Flachsanbaus sowie die Verarbeitung im Emmental keine einfache Sache sein werden, dessen sind sich die beiden Initianten bewusst. Insbesondere die Verarbeitung stelle eine grosse Herausforderung dar. «Es bräuchte Maschinen, die wegen der grossen Staubentwicklung in separaten Räumen stehen müssten. Das sind natürlich grosse Investitionen», sagt Ernst Flückiger. Aber auch die Produktion müsste neu aufgebaut werden. Es gelte, neuzeitliche Lösungen für die Düngung, das Mähen, den Pflanzenschutz zu finden. «Wenn aber alle am gleichen Strick ziehen, wird vieles möglich. Kontakte etwa zur Forschungsanstalt und zur Schweizerischen Hochschule für Landwirtschaft bestehen bereits», gibt sich Flückiger zuversichtlich. Auch das Interesse in der Industrie sei vorhanden, der Preis stelle da die grösste Hürde dar. Dasselbe gelte für die Landwirtschaft.

Zweifel an der Umsetzung

Eigene Erfahrung mit der Verarbeitung von Leine hat Markus Hirsbrunner, Geschäftsführer der Spinnerei & Weberei Rüderswil AG. 1997 wurde dort die Weberei als eine der letzten in der Region geschlossen. «Die Transportkosten für das Rohmaterial, das wir aus Belgien und Frankreich bezogen, wurden zu hoch.» Heute produziert die Firma nicht mehr selber, sondern hat sich auf den Textilhandel spezialisiert. «Ich finde die Idee der Initianten lobenswert, beurteile aber die Umsetzung als nicht realistisch.» Es müsste mit einer Investition von 15 bis 20 Millionen Franken gerechnet werden. Zudem brauche es riesige Anbauflächen. «Ob dies im Emmental möglich ist, bezweifle ich.»

Zwei Pflanzen im Wandel der Zeit

Hanf und Flachs sei bis ins frühe 20. Jahrhundert verbreitet im Emmental angebaut worden, sagt Peter Moser vom Archiv für Agrargeschichte. Der Konkurrenz der günstigeren Baumwolle seien die Pflanzen aber nicht gewachsen gewesen. Im Zweiten Weltkrieg hätten Leine und Hanf eine gewisse Renaissance erlebt, was aber nicht mehr als ein kurzes Aufflackern war. «Erst in den 90er-Jahren tauchen die beiden Fasern wieder als Nischenprodukt auf. Heute wird Hanf und Flachs in der Schweiz kaum mehr angebaut», sagt Moser.

Flachs und Hanf in den Banknoten

Die grössten Anbauländer für Faserlein sind China, Russland und Weissrussland, in der EU sind es Frankreich, Belgien und die Niederlande. Ölflachs wird vor allem in Nordamerika angebaut. Heute haben Leinenfasern bei den Textilien einen Marktanteil von unter einem Prozent. Die Fasern werden aber auch zu Papier (Zigarettenpapier, Banknoten) verarbeitet, dienen als Polstermöbelfüllung, Verbundwerkstoff und Dämmstoff oder als Tiereinstreu.

Nicht für Haschisch geeignet

Nutzhanf wird vor allem zur Gewinnung von Hanffasern angebaut, weitere Produkte sind Hanfsamen sowie Hanföl. Im Gegensatz zu den als Rauschmittel und für die medizinische Verwendung genutzen Sorten hat Nutzhanf einen THC-Anteil von weniger als 0,2 Prozent und ist zur Herstellung von Haschisch und Marihuana ungeeignet. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war vor allem die Herstellung von Segeltuch, Tauen und Seilen bedeutsam. Heute spielt Hanf vor allem für die Produktion von Hanfpapier, Textilien, Naturdämmstoffen und naturfaserverstärkten Kunststoffen eine Rolle. Die bei der Fasergewinnung als Nebenprodukt anfallenden Schäben werden als Tiereinstreu verwendet. Hauptanbaugebiete von Nutzhanf sind heute China, Russland, Kanada und Frankreich.

Erscheinungsdatum Dienstag 27. Oktober 2009 23:24

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