Heilen mit Hanf: Allgemeinmediziner Kurt Blaas
"Mir geht es nur um den Einsatz von Cannabis als Medikament und um sonst nichts."

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04.01.2006
Auf dem Couchtisch von Frau R. liegen tütenförmig gerollte Zigaretten, die man eher auf ausgelassenen Wohnungspartys erwarten würde. Jeden Tag raucht die 63-Jährige ein paar Joints. Doch keineswegs, um sich zu berauschen, sondern um die Beschwerden ihrer unheilbaren Krankheit zu lindern.
Seit zwei Jahrzehnten leidet die Pensionistin an Multipler Sklerose und ist inzwischen fast bewegungsunfähig. "Ich bin eigentlich nur mehr ein sprechender Kopf." Besonders zu schaffen machen Frau R. Spasmen, also schmerzhafte Muskelkrämpfe. Und genau dagegen hilft ihr das Rauchen von Cannabis. "Oft genügen schon drei Züge und es geht mir rasch besser. Die Wirkung hält drei Stunden an." Herkömmliche Mittel gegen Spasmen vertrage sie nicht, die Joints würden hingegen keinerlei Nebenwirkungen verursachen.
Angst vor Strafe
Das Gras besorgen ihr Freunde. "Man muss wie ein Geheimdienst arbeiten. Natürlich habe ich Angst, dass ich eines Tages Probleme mit der Polizei bekommen könnte, aber für das Cannabis würde ich bis zum Verfassungsgerichtshof gehen." Zunächst schluckte die MS-Patientin Dronabinol-Pillen - eines der wenigen Cannabismedikamente, das in Österreich verschreibbar ist. "Doch die Kasse zahlte nichts dafür und selbst kann ich mir die Kapseln nicht leisten." Deshalb stieg sie auf die illegale Alternative um.
Der Wiener Allgemeinmediziner Kurt Blaas kämpft seit Jahren für einen leichteren Zugang zu Arzneien mit dem Wirkstoff Cannabis. Er hat in den vergangenen drei Jahren etwa 200 Patienten mit Dronabinol behandelt. "Es ist kein Wundermittel, wirkt aber in manchen Fällen sehr gut", sagt der 47-Jährige. Die wichtigsten Einsatzgebiete seien neben Spasmen Schmerzen, Appetitlosigkeit in Folge von schweren Erkrankungen wie Krebs oder Aids, oder auch das Tourette-Syndrom ("Tics").
Häufig sei laut Blaas eine Kombination mit herkömmlichen Arzneien sinnvoll: "Schmerzpatienten, die mit Cannabis-Präparaten behandelt werden, benötigen weniger Opiate und leiden dadurch seltener unter Nebenwirkungen." Die Einnahme der Cannabis-Arzneien selbst würde sehr selten unerwünschte Begleiterscheinungen auslösen. "In hohen Dosen machen sie hungrig und müde." Die einzelnen Tabletten seien viel schwächer als ein Joint, daher würde man sich nach der Einnahme auch nicht so fühlen als sei man "eingeraucht". Vorsicht sei aber bei psychischen Problemen nötig.
Verschreibung
In Österreich ist inzwischen der Wirkstoff von Dronabinol im Heilmittelverzeichnis aufgelistet. Allerdings nur als Magistraliter-Substanz: Der Grundstoff wird im Ausland bestellt und erst in den Apotheken zum eigentlichen Medikament (Kapseln oder Tropfen) verarbeitet. Es kann auf Suchtmittelrezept verschieben werden, ist aber chefarztpflichtig. Für die Bewilligung benötige man sehr viel Überzeugungsarbeit, betont der Arzt. Mittlerweile würde aber die Wiener Gebietskrankenkasse in etwa 50 Prozent der Fälle die Kosten der Arznei übernehmen.
Für Blaas mit ein Grund, dass Cannabis-Mittel nicht wie jedes andere Medikament erhältlich sind: "Die Politik hat Angst, dass durch entsprechende Änderungen auch das Verbot von Cannabis als Suchtmittel aufgeweicht werden könnte. Mir geht es aber nur um den Einsatz als Medikament und um sonst nichts."











