Kann Cannabiskonsum schizophrene Psychosen auslösen? Was ist eigentlich Schizophrenie?
Medien und Wissenschaftler weisen oft auf einen Zusammenhang zwischen Schizophrenie und Cannabiskonsum hin. Demnach könne Cannabiskonsum schizophrene Psychosen auslösen. Tatsächlich gleichen einige Verhaltensweisen von Personen unter akutem Cannabiseinfluss den "typischen" Symptomen der Schizophrenie. Beim Cannabisrausch sind diese Symptome jedoch reversibel. Schizophrenie ist eine äusserst komplexe Bewusstseinstörung, deren Ursache auch heute noch weitgehend unbekannt ist. Interessierte finden im nachstehenden Text eine Beschreibung der Krankheit und einige Erklärungsansätze, die unter anderem auch ein erweitertes Verständnis für das oft Besorgnis erregende Cannabisrauchen unter Jugendlichen liefern könnten.
Was bedeutet Schizophrenie?
R. D. Laing:
Schizophrenie ist ein geistiger Wachstumsprozeß als Reaktion auf Konflikte des Betroffenen mit seiner intoleranten Umwelt. Sie entsteht, wo Menschen einen abweichenden Lebensstil pflegen oder das soziale Gefüge der Gesellschaft nicht mehr intakt ist.
Das Wort "Schizophrenie" stammt aus dem Griechischen und bedeutet "gespaltenes Gemüt". Der Begriff wurde 1911 von E. Bleuler eingeführt, um verschiedene bis dahin unter dem Ausdruck Dementia praecox zusammengefasste psychische Ausnahmeerscheinungen zu bezeichnen. In diesem Text wird "Schizophrenie" als Oberbegriff für alle schizophrenen und schizoiden Störungen verwendet, da eine Abgrenzung zum Beispiel gegen das Borderline-Syndrom [1] oft schwierig ist. Laien verwechseln Schizophrenie wegen des irreführenden Begriffs "Bewusstseinsspaltung" oft auch mit dem Ausdruck "Multiple Persönlichkeit" [2]
Welches sind die Symptome der Schizophrenie?
Von Schizophrenie spricht man, wenn die Symptome für eine Störung von mindestens zwei der folgenden Bereiche des Bewusstseins sprechen:
1. Die Identität: Die Abgrenzung zur Aussenwelt scheint vermindert; das Bewusstsein ist auch auf Gegenstände ausgedehnt; eigene Körperteile werden als fremd erlebt, Handlungen als von aussen gesteuert. Der Wille wird als unfrei erfahren.
2. Die Wahrnehmung: Zufällige Ereignisse werden als schicksalshaft beschrieben oder auf eine absurd und unrealistisch anmutenden Weise auf sich selber bezogen ("Beziehungswahn"); eigene Gedanken als Stimmen gehört. Oft bestehen Halluzinationen und Wahnvorstellungen.
3. Die Affekte (Gefühl und Sozialverhalten): Soziale Kontakte werden abgebrochen oder gelingen erst gar nicht. Oft ziehen sich die Kranken völlig von der Aussenwelt zurück (Autismus). Sichtbare Gefühlsregungen bleiben scheinbar aus oder erscheinen unangebracht, wie etwa übertriebene Begeisterung oder unangebrachtes Lachen (letzteres kommt z.B. unter akutem Cannabisrausch oft vor, nach Abklingen des Rausches jedoch wieder "normales" Verhalten). Menschliche Beziehungen sind von ambivalenten Gefühlen geprägt (ewiges Auf und Ab von Hass und Liebe, manchmal innerhalb kürzester Zeit; gleichzeitiges Vorhandensein sich widersprechender Gefühle).
4. Denken: Gegenstände und Geschehnisse der Aussenwelt überfluten das Bewusstsein. Das Denken erscheint zerfahren und sprunghaft, Gedankengänge und Handlungen werden abgebrochen, während sich scheinbar Nebensächliches in den Vordergrund drängt (ein Verhalten, das unter Cannabiseinfluss oft vorkommt). Die Sprache ist von Auslassungen (Ellipsen) und Wortneubildungen (Neologismen) geprägt. Begriffe werden in ihrer Bedeutung übermässig ausgedehnt.
Welche Erklärungsversuche gab es zu den Ursachen der Schizophrenie?
Bis ins 18. Jahrhundert hinein erklärte man die Phänomene der Schizophrenie - damals noch unter anderem Namen - mit Hilfe von Dämonen und dem Begriff der "Besessenheit". Die gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbreiteten Versuche, Schizophrenie durch die Annahme körperlicher Ursachen zu erklären, wurden bald darauf abgelöst durch eine wahre Flut von Theorien, die vor allem die unterschiedlichsten Stoffwechselstörungen als Ursache der Schizophrenie ansahen:
Im 20. Jahrhundert wurde die Schizophrenie u. a. gesehen als Folge von Störungen im Stoffwechsel von Serotonin, Noradrenalin, Dopamin, Endorphin, Acetylcholin und Prostaglandin. Eine verbreitete Meinung ist, daß eine erhöhte Zahl bestimmter Nervenzellverbindungen für die Entstehung der Schizophrenie verantwortlich sei.
Wie erklären diese Annahmen die Symptome der Schizophrenie?
Bislang leider gar nicht
Die weit verbreiteten Vermutungen, Schizophrenie könne eine Anomalie im Stoffwechsel sein, stützen sich praktisch ausnahmslos auf Berichte, wonach Schizophrene durch die Verabreichung bestimmter Stoffe umgänglicher geworden seien. Daraus zog man voreilig den Schluss, durch diese Mittel werde die Ursache der Schizophrenie behoben, und meinte dann, im Umkehrschluss ebendiese "Ursache" gefunden zu haben.
Tatsächlich hatte man aber lediglich die Symptome unterdrückt bzw. die Voraussetzung der Schizophrenie beseitigt. Dieser Trugschluss ist ein Kardinalfehler der Psychologie, der in ähnlicher Form auch von Medizinern leider immer wieder gern gemacht wird:
Angenommen, wir untersuchen eine Reihe von Autounfällen, bei denen jeweils ein Fahrer dem anderen rücksichtslos die Vorfahrt genommen hat. Dann ist ganz offensichtlich die Ursache der Unfälle diese Verletzung der Vorfahrt. Hingegen würde niemand ernsthaft auf den Gedanken kommen, die Unfallursache in den vier Rädern des Autos zu sehen! Diese sind lediglich die Voraussetzung dafür, dass der Unfall geschehen konnte. (Ohne Räder hätte das Auto nicht fahren und den Unfall verursachen können.)
In ähnlicher Weise sind aber bestimmte Gegebenheiten im menschlichen Gehirn (hohe Zahl bestimmter Nervenzellverbindungen) Voraussetzung dafür, dass Schizophrenie überhaupt erst entstehen kann. Daraus jetzt den Schluß ziehen zu wollen, dass Schizophrenie durch diese Gegebenheiten verursacht werde, wäre aber falsch.
Die Therapie der Schizophrenie
Wie wird Schizophrenie behandelt?
Vor Einführung der Elektrokrampftherapie erfolgte die "Behandlung" der Schizophrenie - wenn überhaupt - dem Dämonenglauben entsprechend durch Geistliche. Die bis in unsere Zeit hinein übliche Elektrokrampftherapie wurde weitgehend von medikamentöser Behandlung mit Chlorpromazin und anderen Psychopharmaka verdrängt, welche die Zahl der Nervenzellverbindungen künstlich reduzieren.
Fortschrittliche Behandlungsansätze setzen zunehmend auch auf familientherapeutische Massnahmen. In den letzten Jahren hat sich - gestützt auf Untersuchungen zur angeblichen Vererbbarkeit der Schizophrenie - die Therapie erneut gefährlich weit in Richtung der medikamentösen Behandlung bewegt.
Wie wirkt Elektrokrampftherapie?
Bei der Elektrokrampftherapie werden durch Stromstöße gezielt bestimmte Teile des Gehirns geschädigt. Auf diese Weise wurden früher - und werden teilweise auch heute noch -die für die kranken Gedanken verantwortlich gemachten Zellen des Gehirns mehr oder weniger systematisch zerstört. Glücklicherweise ist das Gehirn aufgrund seines raffinierten Aufbaus in der Lage, den Verlust einzelner Zellen relativ problemlos auszugleichen.
Da die durch die Presse gehenden Bilder der elektrokrampfbehandelten Psychiatrieinsassen in der Weltöffentlichkeit dennoch auf Empörung stießen, behalf man sich vorübergehend, indem man kurzerhand Mittel (z.B. muskelentspannende Medikamente) verabreichte, um die sichtbaren Auswirkungen der Elektroschocks zu unterdrücken. Das Verfahren wurde im Laufe der Zeit immer weiter verfeinert, bis man auf die Persönlichkeit des Patienten einwirken konnte, ohne dabei sein Gedächtnis oder das Sprachzentrum zu beschädigen. Trotzdem zwang die Berichterstattung zu einem Umdenken.
Wie ist die medikamentöse Behandlung der Schizophrenie entstanden?
Bei der Verabreichung von Farbstoffen im Rahmen von Test an Schizophrenen entdeckte man, dass einer dieser Stoffe (Chlorpromazin) die Patienten besonders umgänglich machte. Bald fand man bei den Versuchen weitere sog. Neuroleptika, z. B. Haloperidol, die eine ähnliche oder noch stärkere Wirkung zeigten.
Aus gewissen Ähnlichkeiten dieser Stoffe konnte man Rückschlüsse auf deren Wirkungsweise im Gehirn ziehen. Dabei stellte sich heraus, dass diese Substanzen offenbar die Übertragung von Informationen zwischen Nervenzellen hemmen. Neuere Untersuchungen gehen davon aus, dass Schizophrene über eine höhere Zahl von Zellverbindungen im Gehirn verfügen als der Durchschnitt der Bevölkerung. Diese Verbindungen werden durch die Psychopharmaka teilweise blockiert, so daß die Zahl der zur Verfügung stehenden Verbindungsstellen auf das durchschnittliche Maß zurückfällt.
Wie wirken Medikamente gegen Schizophrenie auf gesunde Menschen?
Genauso wie auf Schizophrene: Die Zahl der aktiven Verbindungsstellen zwischen den Nervenzellen wird künstlich reduziert. Die Folge davon ist, dass das Bewusstsein gedämpft wird; der Betroffene ist nicht mehr in der Lage, selbständig zu handeln bzw. die Initiative zu ergreifen.
Diesen Umstand machten sich zum Beispiel die sog. K.O.-Tropfen-Räuber zunutze, die Kneipenbesuchern heimlich Neuroleptika in die Getränke mischten, um die ihres Willens beraubten Menschen dann aus der Kneipe fortzulocken und sich deren Geld aushändigen zu lassen.
Dieses Beispiel zeigt die Gefährlichkeit solcher Psychopharmaka: Ein unter ihrem Einfluss stehender Patient wird sich nach Möglichkeit so verhalten, wie man es von ihm verlangt. Die psychischen Probleme bestehen aber möglicherweise weiter; jedoch ist der Schizophrene jetzt nicht mehr in der Lage, sich darüber zu beklagen, sondern zeigt das von ihm erwartete Verhalten eines "Geheilten", ohne wirklich geheilt zu sein. Sobald die Psychopharmaka abgesetzt werden, treten die alten Probleme erneut hervor.
Ein anderer Punkt sind die teils schweren Neben- und Langzeitwirkungen: Neben der durch einige Medikamente bewirkten Fettleibigkeit sind dies vor allem visuelle Halluzinationen und die gefürchtete tardive Dyskinesie und Dystonie, eine Nervenstörung, die zu unkontrollierten Zuckungen führt. In den letzten Jahren sind vermehrt sog. "atypische Neuroleptika" (z.B. RisperdalÒ) in Mode gekommen, bei denen diese typischen Nebenwirkungen weniger stark in Erscheinung treten. Allerdings sind diese Medikamente noch nicht lange genug auf dem Markt, um verlässliche Aussagen über die Langzeitwirkungen treffen zu können.
Was ist krankhaft an der Schizophrenie?
Ist Schizophrenie eine Krankheit oder ein Syndrom?
Bereits bei der Frage nach den Symptomen der Schizophrenie haben wir gesehen, dass Schizophrenie doch etwas schwammig definiert ist: Das Vorliegen einer Schizophrenie wird anhand einer Liste von Symptomen diagnostiziert, d.h. wenn sich Symptome aus mindestens zwei von vier Bereichen des Katalogs finden lassen. Absurderweise beinhaltet dieses Vorgehen, dass zwei verschiedene Personen beide als schizophren bezeichnet werden können, obwohl sie beide kein einziges Symptom gemeinsam haben. Es ist sogar möglich, dass Menschen für schizophren erklärt werden, die nur solche Symptome zeigen, die bei anderen Personen als völlig harmlos gelten!
Beispiele:
| Symptom 1 |
Symptom 2 |
Symptom 3 |
Symptom 4 |
|
| René |
X |
X |
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| Ida |
X |
X |
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| Kathrin |
X |
|||
| Daniel |
X |
René zeigt Symptome aus den Bereichen 1 und 2 der Liste; Ida hingegen liefert typische Merkmale aus den Bereichen 3 und 4. Obwohl sie überhaupt keine Symptome gemeinsam haben, gelten beide als schizophren. Ganz anders Kathrin und Daniel: Kathrin weist wie René dasselbe "typisch schizophrene" Verhalten aus Bereich 1 des Katalogs auf; Daniel erfüllt entsprechend die Bedingungen für Schizophrenie nach Bereich 2. Beide zeigen also dieselben Symptome, die bei René zur Diagnose der Schizophrenie geführt haben. Dennoch gelten die beiden als nicht schizophren.
Verrückt?
Diese Beispiele zeigen, dass die Symptome der Schizophrenie offenbar nur in sehr loser Beziehung zueinander stehen. Man spricht in solchen Fällen, bei denen ein eventueller Zusammenhang von Symptomen noch nicht hinreichend geklärt ist, von einem Symptomenkomplex oder kurz: von einem Syndrom.
Wissenschaftlich korrekt kann man von einer Krankheit eigentlich erst dann sprechen, wenn die Ursachen und die Entstehung der Symptome geklärt sind. Nur dann ist - streng wissenschaftlich gesehen - der Begriff "Krankheit" überhaupt gerechtfertigt. Im Falle der Schizophrenie ist er es offenbar nicht: Stattdessen zeigen die angeführten Beispiele, dass Symptome nicht notwendig, sondern fast nach Belieben auftreten können. Einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den vermuteten Ursachen der Schizophrenie und ihren Symptomen gibt es nicht. Somit können wir auch die oben gestellte Frage beantworten: Schizophrenie ist medizinisch korrekt ausgedrückt keine Krankheit, sondern allenfalls ein Syndrom.
In welcher Beziehung stehen die Symptome der Schizophrenie zu Religionen und Weltanschauungen?
In vielen Religionen und Weltanschauungen finden sich Ansichten, die sich teilweise mit Symptomen decken, die als schizophren definiert werden.
So ist es in Teilen des Taoismus, im Buddhismus, wie auch im Pandämonismus, im Hinduismus ebenso wie in der Philosophie des Solipsismus und der Esoterik durchaus üblich, unter Aufhebung der Körpergrenzen den eigenen Geist auf die Umwelt auszudehnen bzw. das eigene Bewusstsein als identisch mit der erlebten Welt anzusehen.
Determinismus und Fatalismus sind als philosophische bzw. religiöse Konzepte allgemein akzeptiert; es ist daher unverständlich, weshalb die in diesen Bereichen tolerierte Auffassung von der Nichtexistenz des freien Willens im Bereich der Psychosen als krankhaft angesehen wird. Entsprechendes gilt für den Solipsismus ("Die Welt existiert nur in meiner Einbildung."), der eigentlich nur die philosophisch motivierte Form des Autismus darstellt.
Die Heilmethoden der meisten Naturreligionen nutzen gezielt Totems und Fetische, um das Bewusstsein des Behandelten auf Gegenstände zu fokussieren; auch in der Meditation ist es üblich, sich in bestimmten Meditationsobjekten (Mandalas, Tarotkarten usw.) zu "versenken". Hier macht man sich ganz offensichtlich einen Mechanismus zunutze, der bei der Schizophrenie ungewöhnlich stark ausgeprägt ist und dort zur ungewollten Überflutung des Bewusstseins mit nebensächlichen Sinneseindrücken führt.
In manchen Religionen werden sogar Drogen konsumiert, um absichtlich Bewusstseinszustände zu erreichen, wie sie von Schizophrenen beschrieben werden. Üblich und akzeptiert ist dies etwa im Rastafarianismus. So ist zum Beispiel in den USA der Konsum von Cannabis bzw. Marihuana für Rastafari aus religiösen Gründen legalisiert worden.
Sprache spielt in vielen Religionen eine wichtige Rolle. Ethymologie gilt im Hinduismus als wesentliches Hilfsmittel bei der Auslegung des Veda. Der Pandämonismus geht in dieser Hinsicht sogar noch weiter, indem er das Erschaffen von Sprache zum religiösen Akt erhebt. Manche Subkulturen nutzen Wörter in veränderten Bedeutungen. Man muss sich über diese Zusammenhänge informieren, um peinliche Fehldiagnosen zu verhindern, denn Bildungslücken bei Psychiatern können ernste Folgen haben: In Großbritannien wurde einem Farbigen, der die religiöse Sprache der Rastafari benutzt hatte, die Diagnose "Schizophrenie" gestellt. Rastafari verwenden z. B. Wortneubildungen wie "Livication" statt "Dedication" (Widmung), weil "Dedication" sie an "dead" (tot) erinnert.
In fast allen Religionen wird von Menschen berichtet, die die Stimmen der Gottheiten wahrnehmen konnten. Viele von ihnen werden noch heute als Propheten verehrt. Das mag manchem als antiquiert oder verschroben erscheinen; krankhaft ist es sicher nicht. Religiosität scheint ein Grundbedürfnis des Menschen zu sein: Wie sonst erklärt es sich, dass in unserer aufgeklärten Welt noch heute über 50 Prozent der Weltbevölkerung in weltweit mehr als 200 Sekten und Religionsformen organisiert sind?
Welche Symptome der Schizophrenie lassen sich im Rahmen einer einfachen psychologischen oder soziologischen Betrachtungsweise verstehen?
Viele Symptome der Schizophrenie lassen sich auch ohne die Annahme einer organischen Störung des Hirns begründen:
Während der Pubertät kann die körperliche Entwicklung zeitweise schneller ablaufen als die Anpassung des Körperempfindens folgen kann. Das führt in solchen Fällen zu einer vorübergehenden Entfremdung vom eigenen Körper, die in der Regel mit dem Ende der Pubertät wieder verschwindet. Dieser eigentlich ziemlich harmlose Vorgang mit den damit verbundenen Veränderungen des Sozialverhaltens (läppisches Verhalten etc.) kann zu Hebephrenie(3) führen und stellt als solche einen Sonderfall der Schizophrenie dar.
Eltern haben oft Probleme zu akzeptieren, dass Kinder sich in der Pubertät zu eigenständigen Menschen entwickeln. Das hat einen Spötter zu der - nicht ganz unberechtigten - Bemerkung veranlaßt: "Pubertät ist, wenn die Eltern schwierig werden." Dass Jugendliche sich während des Erwachsenwerdens nicht mehr so behandeln lassen wie ihre Eltern das von ihnen gewohnt waren: Das ist völlig normal. Auch die dadurch entstehenden Probleme wird man schwerlich leugnen können. Darin aber eine "krankhafte" Entwicklung sehen zu wollen, wäre absurd.
Problematisch wird es allerdings, wenn die Eltern tatsächlich nicht von ihrer Macht loslassen können oder diese gar missbrauchen: Dann kann eine Situation entstehen, in der die Kinder sich nicht nur als unfrei erleben, sondern tatsächlich unfrei sind. Das von Schizophrenen geäußerte Gefühl der Unfreiheit des Willens resultiert vielleicht daraus, dass andere ihnen ihre Freiheit unnötig einschränken. Ganz nach dem Motto: "Du hast zu wollen, was ich will."
Dass die ständige Bevormundung bei den Betroffenen dazu führt, dass diese bald scheinbar gar nichts mehr wollen, liegt auf der Hand. Die vermeintliche Flatterhaftigkeit der Beziehungen erklärt sich dann dadurch, dass die vermeintlichen "Freunde" nie wirkliche Freunde waren; der Jugendliche vielmehr von seinen Eltern oder äußeren Umständen zum Umgang mit diesen Menschen gezwungen wurde und den Kontakt abbricht, sobald der äußere Druck nachlässt.
Fehlende oder übertriebene Gefühlsäußerungen können vielfältige Ursachen haben. Man muss heute davon ausgehen, dass sichtbare Gefühlsregungen in einem sehr viel stärkeren Maße erlernt werden, als bisher angenommen wurde. Fehlt einem Menschen die Möglichkeit, die Mimik von anderen zu erlernen, oder wird auf seine Regungen nicht angemessen reagiert, so verkümmert der angeborene Teil seiner Mimik wieder oder er wird grimassenhaft überhöht, um Aufmerksamkeit zu erheischen.
Auch verschiedene körperliche Erkrankungen können dazu führen, dass Gesichtsausdrücke verändert werden. Denkbar sind hier zum Beispiel Anomalien des Unterhautgewebes und Muskelanomalien, die dann wegen der dadurch beeinträchtigten Kommunikation mit den Mitmenschen Kontaktstörungen nach sich ziehen.
Wortneubildungen sind in allen Bereichen der Gesellschaft üblich und ein Zeichen von Kreativität; in der Wissenschaft sind sie allgemein akzeptiert. Auffallen tun sie erst dann, wenn sie in einer fremden Subkultur entstanden sind. Das Verwenden von Neologismen hat also weniger mit einer psychiatrischen Störung zu tun, sondern ist vielmehr Ausdruck einer sozialen Isolation.
Dass die Gedankengänge Schizophrener gelegentlich zerfahren erscheinen, ist eigentlich nur für solche Menschen ein Problem, die Gedankensprüngen nicht zu folgen vermögen. Wer hingegen aufmerksam zuhört, wird immer wieder überrascht feststellen, wie sich die einzelnen Gedankensplitter zu einem logischen Ganzen zusammenfügen. Die Diagnose "Schizophrenie" mit der damit oft verbundenen medikamentösen Behandlung ist deshalb immer auch ein Versuch, mangelnde Fähigkeiten im Bereich der Gesprächstherapie zu überspielen; Medikamente aber können einen kompetenten Therapeuten niemals ersetzen.
Was uns wichtig ist, erscheint anderen oft als Nebensächlichkeit: Der eine wäre bereit für eine "blaue Mauritius" sein Leben zu geben; der andere braucht seine Briefmarke nur, um sie auf den Brief zu kleben. Die Kindergärtnerin findet es völlig harmlos, einem Kind die Nase geputzt zu haben; die asiatischen Eltern hingegen sind schwer empört, weil in Asien jeder weiß, dass man vom Nase-Schneuzen "blöd im Kopf" wird. Wer das Wertesystem seines Patienten nicht kennt, kann solche vermeintliche Hysterie nicht angemessen beurteilen.
Halluzinationen und Wahnvorstellungen sind besonders problematisch, wenn ihr Auftreten von Dritten behauptet wird. Nur wenn die Halluzination im Beisein des Therapeuten auftritt, kann dieser überhaupt sicher sein, dass es sich auch wirklich um eine solche handelt. Es ist nämlich ohne weiteres denkbar, dass mehrere Personen übereinstimmend die tatsächlichen Verhältnisse leugnen und als Halluzination abtun, weil die Realität ihnen peinlich ist oder von ihnen selbst verdrängt wird (negative Halluzination). Manchmal ist es gerade das durch eine Übermacht erzwungene Festhalten an falschen Fassaden, das psychische Probleme überhaupt erst auslöst.
Es soll auch eine ganze Reihe von Leuten geben, die Stimmen hören, ohne damit jemals irgendwelche Probleme zu haben. Meist handelt es sich bei dieser Stimme um einen "imaginären Freund". Leider schweigen diese Menschen darüber oft aus falscher Scham, weil sie sich gesellschaftlich nicht akzeptiert fühlen. Dabei wäre es gerade für die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Phänomene von größter Wichtigkeit, über solche Dinge offen zu sprechen. Inzwischen gibt es sogar spezielle Therapien, bei denen sich die Patienten "virtuelle Begleiter" vorstellen sollen, die dann in bestimmten Situationen Hilfestellung geben können (z. B. bei Sucht/Kleptomanie).
Oft werden psychisch auffälligen Menschen Wahnvorstellungen unterstellt, nur weil sie Formulierungen benutzen, die bei anderen Menschen als völlig harmlos angesehen würden: "Es ist, als ob die meine Gedanken lesen können." ; "Ich habe gewußt, daß etwas passiert."; "Das war wie ein Zeichen." Welchessinddie eigentlich problematischen Aspekte der Schizophrenie?
Nachdem sich viele Symptome der Schizophrenie als relativ harmlos und im Rahmen psychologischer und soziologischer Betrachtungsweisen erklärbar herausgestellt haben, stellt sich für viele sicher die Frage, worin denn überhaupt das Krankhafte der Schizophrenie zu sehen sei.
Wesentliche Probleme aus Sicht der Schizophrenen selbst sind wohl das Abbrechen von Gedankengängen, die Unfreiheit des Handelns und - zum Beispiel bei Hebephrenie [3] - die Entfremdung dem eigenen Körpergegenüber.FürdieseAspekte der Schizophrenie gibt es jedoch Erklärungsmodelle, die eindeutig außerhalb einer endogenen ("von innen entstandenen") Psychose begründet liegen. Insbesondere gibt es für den behaupteten ursächlichen Zusammenhang dieser Symptome mit einem zugrunde gelegten gestörten Hirnstoffwechsel keinerlei Anhaltspunkt.
Das Abbrechen von Gedankengängen ist Zeichen einer schweren Konzentrationsschwäche,wiesie bei allen Menschen auftretenkann(soz.B.auch beim Konsum von Cannabis).Man wird also davon ausgehen können, dass die Suche nach den Ursachen von Konzentrationsstörungen zugleich wertvolle Hinweise für die Entstehung der Schizophrenie liefern könnte. Tatsächlich ist dies der Fall: Reaktive Psychosen wie sog. posttraumatische Belastungsstörungen sind bekannt dafür, dass sie neben Beeinträchtigungen der Konzentrationsfähigkeitauch starke Veränderungen der Persönlichkeit mit sich bringen können - wie es bei der Schizophrenie der Fall zu sein scheint.
Die Unfreiheit des Handelns ist immer dann gegeben, wenn ein Mensch dazu gebracht wird, in einer Weise zu handeln, wie er es ohne Beeinflussung von außen nicht tun würde. Dabei muss es sich bei der Beeinflussung nicht einmal um Gewalt handeln; es reicht schon aus, wenn ein anderer Mensch sein Missfallen über ein bestimmtes Verhalten äußert. Diese Überlegung wirft natürlich die noch zu beantwortende Frage auf, wieso diese Beeinflussung Schizophrene vor massive Schwierigkeiten stellt, während ihr andere Menschen problemlos widerstehen.
Das Gefühl der Fremdheit dem eigenen Körper gegenüber tritt vor allem während der Pubertät auf, wenn die Entwicklung des Körpers und die des Körperempfindens nicht miteinander Schritt halten können. Sofern diese Störung nach Ende der Pubertät zurückgeht (und dies dem Jugendlichen rechtzeitig klar gemacht werden kann), stellt sie eigentlich kein allzu großes Problem dar. Ganz anders verhält es sich, wenn dieses Gefühl Folge einer körperlichen Entwicklungs- und Wachstumsanomalie ist, wie sie etwa bei Transsexualität auftritt: In diesem Fall ist jede psychologische oder psychiatrische Behandlung zwecklos, da die Ursache des Problems im körperlichen Bereich liegt und deshalb auch dort behandelt werden muss. Ursachen und Behandlung.
Schizophrenie - eine reaktive Psychose
Aus der Analyse der oben dargestellten Fakten zur Schizophrenie lässt sich der Schluss ziehen, dass es offenbar zwei grundsätzliche Arten dieser Psychose gibt: solche mit überwiegend körperlichen Ursachen und solche mit soziologisch-psychologischen Ursachen. Wir wollen uns im Folgenden vor allem mit letzterer Variante befassen.
Wenn wir bei der Betrachtung der Schizophrenie Spekulationen beiseite lassen und uns allein auf die zwischen Schizophrenen und ihren Angehörigen unumstrittenen Tatsachen beschränken, kommen wir zu der These, dass es sich hierbei in erster Linie um eine schwere Konzentrationsstörung handelt. Es stellt sich dann automatisch die Frage, wodurch diese Beeinträchtigung der Konzentrationsfähigkeit hervorgerufen wird.
Wir haben bereits erkannt, dass posttraumatische Belastungsstörungen einige Symptome der Schizophrenie erklären können. Allgemein kann man sagen, dass jedes ungelöste oder verdrängte Problem das Unterbewusstsein belastet. Je mehr und schwerwiegendere Probleme zusammenkommen, desto stärker wird die damit verbundene Abnahme der Konzentrationsfähigkeit sein. Man kann sich dies am Beispiel eines Radios verdeutlichen:
Es ist bekannt, dass ein Radio leichter auf einen starken als auf einen schwachen Sender eingestellt werden kann. Wenn aber mehrere starke Sender benachbarte Frequenzen benutzen, beeinflussen sich diese gegenseitig, so dass schon ein schwächerer Sender mit der passenden Frequenz die starken Sender überlagern kann. - In ähnlicher Weise kann sich unser Gehirn leichter auf ein wichtiges Problem konzentrieren als auf etwas Unwichtiges. Wenn aber viele dringende Probleme unser Bewusstsein blockieren, kann schon eine Nebensächlichkeit unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Die Zerfahrenheit des Denkens und das Übergewicht von Nebensächlichkeiten lassen sich also leicht im Rahmen etwa einer unerkannten posttraumatischen Belastungsstörung erklären. Durch ein Trauma, zum Beispiel eine Vergewaltigung, können beim Patienten soziale Vorbehalte entstanden sein, die es ihm unmöglich machen, über seine Erlebnisse zu berichten. Wenn dann auch noch ein für das auslösende Ereignis atypisches Verhalten hinzukommt, kann eine solche reaktive Psychose leicht übersehen werden.
Das gilt umso mehr, wenn Personen aus dem Umfeld des Schizophrenen ein eigenes Interesse daran haben, traumatische Erlebnisse (Kindesmisshandlung etc.) zu leugnen. Das mag auch einige der angeblichen "Wahnvorstellungen" erklären:
Es ist nämlich prinzipiell ausgeschlossen, zwischen Wahnvorstellungen eines Patienten und kollektiver Verdrängung bzw. Vertuschung durch seine Mitmenschen zu unterscheiden.
Dies berührt auch einen anderen Aspekt der Schizophrenie. Wer - wie Schizophrene - über die Fremdbestimmung seines Lebens klagt, hat notwendigerweise ein Problem mit autoritärem Verhalten. Das legt die Vermutung nahe, dass es gerade solch autoritäres Verhalten ist, durch das sich Schizophrene fremdbestimmt fühlen. Wenn solches Verhalten in der Umgebung des Schizophrenen nicht feststellbar ist, so liegt dies möglicherweise daran, dass es ähnlich wie die traumatischen Erlebnisse verborgen wird.
Schizoide Erkrankungen erklären sich dann im wesentlichen als eine Überlastungsreaktion des Gehirns (zum Beispiel infolge traumatischer Erlebnisse) und durch verdecktes, unangebracht autoritäres Verhalten. Alle weiteren Symptome -neben Unkonzentriertheit und Gefühl der Fremdbestimmtheit - lassen sich als Folgeerscheinungen einer solchen reaktiven Psychose deuten.
Anmerkung: Abweichend von der hier vertretenen Auffassung wird Schizophrenie in der Regel als "endogene" Psychose bezeichnet. Dieser Begriff ist insofern irreführend, als dadurch der Eindruck erweckt wird, die Psychose sei in der Person des Betroffenen begründet (endogen = "von innen entstanden"). Tatsächlich versteht man darunter jedoch eine durch ungeklärte Ursachen entstandene Psychose. Im Gegensatz dazu bezeichnet eine exogene Psychose solche Erkrankungen, bei denen eine organische Ursache als gesichert gilt. Eine psychogene (reaktive) Psychose entsteht hingegen als Reaktion auf auslösende Erlebnisse.
Wie könnte die Entstehung der Schizophrenie in einem konkreten Fall aussehen?
Dies soll nun an einem fiktiven Beispiel betrachtet werden:
Fallbeispiel zur schizoiden Psychose
Caroline hat als Folge einer Misshandlung durch ihren Bruder die Sehfähigkeit auf einem Auge fast vollständig und das Gehör teilweise eingebüßt. Der Vorfall wurde von ihrem Bruder vertuscht bzw. von der Familie bereitwillig verdrängt. Um sich abzusichern, hat der Bruder den Eltern gegenüber Caroline vorbeugend gezielt unglaubwürdig gemacht. Er behauptet Caroline gegenüber, dass man ihr ohnehin nicht glauben werde, droht ihr mit Indiskretionen usw.
Vergeblich unternimmt Caroline mehrmals den Versuch, mit anderen über das Geschehene zu reden; bald jedoch gibt sie diese Bemühungen auf, da sie das Gefühl hat, dass niemand zuhören will. Tatsächlich zeigen ihre oft besorgt tuenden Eltern in Wahrheit wenig Interesse für die Angelegenheiten ihrer Tochter, da sie zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind.
Carolines Eltern legen Wert darauf, dass sie den richtigen Umgang pflegt. Zwar langweilt sie sich auf den Gesellschaften ihres Vaters und mit den von ihrer Mutter vorgeschlagenen Bekanntschaften zu Tode; dennoch versucht sie, ihren Eltern alles recht zu machen, um das angespannte Verhältnis nicht weiter zu belasten.
Weil Caroline auf einem Auge fast erblindet ist, hat sich ihr visuelles Raumempfinden stark verändert. Das hat zur Folge, dass sie sich auf merkwürdige Weise von der Welt, die sie sieht, distanziert fühlt. Durch ihre geänderte Wahrnehmung irritiert, verharrt sie oft minutenlang vor dem Spiegel und grübelt. Ihre Klassenkameradinnen halten das für Eitelkeit; tatsächlich jedoch fühlt Caroline sich "anders" als vorher; sie nimmt ihre Umwelt verändert wahr und fühlt sich deshalb plötzlich in ihrem eigenem Körper fremd.
Da ihre "Freunde" oft boshaft ironische Bemerkungen über sie machen, ist Caroline im Umgang mit anderen Menschen stark verunsichert: Sie weiß nie, ob sie ein Kompliment ernstnehmen oder als Beleidigung auffassen soll. Entsprechend reserviert reagiert sie auf Äußerungen ihrer Mitschüler; ihre Mimik erscheint reduziert oder unpassend beleidigt. Durch ihre Eltern wird dieses Verhalten noch verschlimmert, da diese von ihr Freundlichkeit gegenüber ungeliebten Personen verlangen.
Besonders ihr Vater mischt sich immer wieder massiv in ihre Privatsphäre ein. Er ist dabei so dominant, dass Caroline auch in seiner Abwesenheit nicht gegen seinen Willen handelt. Vielmehr überlegt sie sich in allen möglichen Situationen, was ihr Vater wohl dazu sagen würde. Sie beschreibt dies so, als ob sie in diesen Fällen die Stimme ihres Vaters Kommentare abgeben höre.
In der Vergangenheit musste Caroline die Erfahrung machen, dass von ihrem Vater immer wieder ihre Pläne durchkreuzt wurden. Auf diese Weise war sie ständig gezwungen, ihre Handlungen und Gedankengänge abzubrechen. Allmählich hat sich dies so auf ihren Denkstil ausgewirkt, dass sie ihre Gedanken - vorsorglich quasi Haken schlagend - selbst abbricht und dann leicht modifiziert wieder fortsetzt. Caroline wurden von ihrem Vater immer wieder Versprechungen gemacht, die dieser aber nie eingehalten hat. Wenn ein Mensch jedoch immer wieder gezwungen wird, seine Pläne kurzfristig zu ändern oder gar aufzugeben, gewinnen langfristige Ziele und Hoffnungen eine um so größere Bedeutung: So kommt es, dass Caroline nebensächlich erscheinenden Wünschen ein enormes Gewicht beimisst, weil diese ein stabilisierendes Element für sie bilden und sich im Laufe der Jahre unauslöschlich in ihre Persönlichkeit eingebrannt haben.Da Caroline jahrelang nur durch den Glauben an die leeren Versprechungen ihres Vaters am Leben gehalten wurde, ist es unmöglich, einen Zugang zu ihr zu finden, bevor nicht ihre Erwartungen in dieser Hinsicht erfüllt worden sind.
Als der Einfluss ihres Vaters nachlässt, zieht Caroline sich immer weiter zurück. Der Kontakt zu ihren Bekannten ist abgebrochen, und da sie diese nie wirklich als Freunde betrachtet hat, sieht sie auch keinen Grund, ihn wieder aufzunehmen. Stattdessen äußert sie sich in zunehmendem Maße abfällig über ihre ehemaligen Bekannten, so dass der Eindruck einer Ambivalenz (Hassliebe) entsteht.
Aufgrund ihrer langen emotionalen Isolation gelingt es Caroline nicht, neue Kontakte zu knüpfen: Sie hat im Laufe der Zeit verlernt, wie man angemessen mit Menschen kommuniziert. Zusätzlich erschwert wird eine Unterhaltung mit ihr dadurch, dass sie allmählich ein eigenes Vokabular entwickelt hat, das für andere Menschen unverständlich ist. So verwendet sie zum Beispiel Wörter in "falschen" Bedeutungen, weil sie deren genauen Gebrauch nicht erlernen konnte.
Erneute Versuche, ihre Erlebnisse offen zu besprechen, scheitern an ihren Eltern: Da diese mit Carolines Lebenswandel unzufrieden sind, schreiben sie ihre Berichte über die erlittenen Misshandlungen ihrer Psychose zu; statt durch die Schilderungen die Ursache der Erkrankung zu erkennen, werden diese als Beleg für Wahnvorstellungen und Halluzinationen missinterpretiert. Dem Psychiater gegenüber werden die von Caroline erhobenen Vorwürfe aus Scham verschwiegen.
Da Caroline sich nicht traut, ihre Anklage zu wiederholen, ist es nur einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass der Psychiater überhaupt von ihren Erlebnissen erfährt. So ist es ihm möglich, die wahren Ursachen der Probleme zu erkennen und eine geeignete Behandlung einzuleiten.
Bem. betr. Cannabiskonsum Jugendlicher:
Was ist bei Jugendlichen, deren Cannabiskonsum zur "Psychose" führt wohl zuerst da? Die verkorkste Familien- bwz. Schulsituation inkl. der daraus resultierenen psychischen Störungen oder der Cannabiskonsum? Hier stellt sich doch wirklich die Frage, ob der Cannabiskonsum an sich oder die verlogenen Familien-, Gesellschafts- und Schulstrukturen via Cannabiskonsum zum Ausbruch von Jugendpsychosen bzw. Schizophrenie führen.
Verschiedene Autoren zur Schizophrenie:
Ullmann u. Krassner: betrachteten Schizophrenie als Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit.
Broadbent: Ein fehlender Filter für wichtige und unwichtige Ereignisse erklärt die Schizophrenie.
Zubin u. Spring: Schizophrene besitzen eine erhöhte Vulnerabilität (Verletzlichkeit).
Frieda Fromm-Reichmann: sah mal überfürsorgliche, mal abweisende, dominante Mütter als möglichen Auslöser der Schizophrenie.
Theodore Lidz: gestörte Familienstrukturen sind oft verantwortlich für den Ausbruch der Schizophrenie.
Bateson: fand durch Falluntersuchungen heraus, dass im sozialen Umfeld von Schizophrenen oft Mimik und Äußerungen im Widerspruch zueinander stehen.
Leff u. Vaughan: ein hohes Maß geäußerter Emotionen (expressed emotions) des sozialen Umfeldes (Bewertungen des Patienten, egal ob positiv oder negativ) kann einen Rückfall verursachen.
Adolf Meyer: sah Schizophrenie als Anhäufung falscher Gewohnheiten.
Kurt Schneider: definierte sog. Symptome ersten Ranges, um eine genauere Diagnose zu ermöglichen.
Sigmund Freud: Zunahme unterdrückter Es-Impulse und Mangel an zwischenmenschlichen Bindungen führen zur Schaffung einer eigenen Realität.
R. D. Laing: Schizophrenie ist ein geistiger Wachstumsprozess als Reaktion auf Konflikte des Betroffenen mit seiner intoleranten Umwelt. Sie entsteht, wo Menschen einen abweichenden Lebensstil pflegen oder das soziale Gefüge der Gesellschaft nicht mehr intakt ist.
Thomas J. Scheff: Schizophrenie ist ein Etikettierungsproblem, da Menschen, die mit diesem "Etikett" versehen werden, dazu neigen, das von Schizophrenen erwartete Verhalten zu zeigen.
D. L. Rosenhan: zeigte, dass völlig gesunden Pseudopatienten in der Psychiatrie "schizophrene" Verhaltensweisen angedichtet wurden.
webring Dr. Stevenson
Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Thieme-Verlag, 2004
pschyrembel, klinisches Wörterbuch, de Gruyter
Hanf - das Kraut, das die Schizophrenie verdeckt
Notizen
[1] Borderline-Syndrom: Bezeichnung für eine psychische Störung, bei der wechselweise Symptome einer Neurose und einer Psychose auftreten. In Abgrenzung zur Psychose fehlen echte paranoid-halluzinatorische Episoden, katatone Symptome und schizophrene Denk- und Ichstörungen: die Symptome werden kontrolliert und in der Regel als krankhaft empfunden; auch bei längerem Bestehen eines Borderline-Syndroms fast nie Übergang in eine Schizophrenie.
[2] 2) Die Diagnose "Dissoziative Identitätsstörung" beziehungsweise "Multiple Persönlichkeitsstörung" erfordert nach den international verbindlich festgelegten Diagnosekriterien folgende Voraussetzungen:
Existenz von zwei oder mehr unterschiedlichen Identitäten,
jede mit einem eigenen, relativ überdauernden Muster, die Umgebung und sich selbst wahrzunehmen und sich gedanklich damit auseinander zu setzen.
Mindestens zwei dieser Identitäten oder Persönlichkeiten übernehmen wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der Person. (DSM-IV = Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen, American Psychiatry Association 1980).
[3] 3) Hebephrenie: Ausbruch einer schizophrenen Psychose im Jugendalter, häufig während der Pubertät. Symptome: Inkohärenz, flach und unangemessen wirkende Gefühle (!). Abgrenzung zur Pubertätskrise nur durch Verlauf der Krankheit möglich. Prognose der echten H. ziemlich ungünstig.










