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Libanesische Bauern im Hanfrausch

BEIRUT. Der Anbau von Cannabis, von Damaskus unterbunden, verspricht manchen Libanesen ein kleines Vermögen. Nun, da die Syrer abgezogen sind, steht dem neuen libanesischen Hanfrausch nichts mehr entgegen. Wird der europäische Schwarzmarkt bald mit „rotem Libanesen“ überschwemmt?

Jeden Morgen, wenn er aus seinem Haus geht und auf das grüne Feld blickt, lächelt Ali zufrieden. Die Pflanzen wachsen, in zwei Monaten kann er ernten. So wie die Sträucher aussehen, gibt es einen ausgezeichneten Ertrag. Es sind keine gewöhnliche Pflanzen, die Ali auf seinem zweieinhalb Hektar großen Acker anbaut. Es ist Cannabis.

Ali lebt in einem kleinen Dorf in Libanon nördlich von Baalbek, nahe der syrischen Grenze im Bekaa-Tal. Er hat sich besonders gefreut, als die syrischen Soldaten nach dem Anschlag auf den früheren Regierungschef Rafik el-Hariri auf internationalen Druck hin nach langen Jahrzehnten wieder abzogen. Für Politik hat sich Ali ohnehin noch nie interessiert. Die ist ihm egal. Aber an dem Tag, als die Syrer verkündeten, dass sie aus Libanon abziehen wollen, an diesem Tag wusste Ali, dass sich seine hoffnungslos erscheinende wirtschaftliche Situation bald zu einem Besseren wenden könnte. Denn die Cannabis-Ernte bietet ihm Gelegenheit, einen gewissen Wohlstand zu erwirtschaften. Jetzt, wo die Soldaten weg sind, und er nicht wieder fürchten muss, dass sie kommen, um die Pflanzen vernichten.

Bessere Aussichten

Ali hat bislang Gurken, Tomaten und Salat angebaut. Das reichte für den 49 Jahre alten Libanesen und seine Familie kaum aus, um zu überleben. Nur einer seiner vier Söhnen konnte in die Schule gehen. An dem Tag, als die Syrer ihren Rückzug bekannt gaben, riss er mit seinen Kindern sämtliche Tomatenstauden heraus, pflügte den Boden um und säte schon einen Tag später Cannabis-Samen aus. Er ist nicht der einzige, der im Bekaa-Tal jetzt Haschisch angepflanzt hat. In fast jedem Dorf, das abseits der Hauptstraße an den Hängen des Libanon-Gebirges liegt, pflanzt man Cannabis dieses Jahr wieder an. Vor fünfzehn Jahren noch war Libanon bekannt für den dortigen Anbau von Cannabis und dessen gute Qualität. Als die syrische Armee radikal durchgriff und den Hanf-Anbau verbot, ging für viele Bauern die einzige Einnahmequelle verloren. Die Vereinten Nationen stellten zwar als Einnahmeausfall für die Cannabis-Pflanzer im Bekaa-Tal einen Millionenbetrag zur Verfügung, aber kaum einer bekam je Geld aus diesem Fonds. Die Mittel versickerten zumeist im Netz der Korruption.

"Vor der Polizei habe ich keine Angst, das sind ja unsere Leute", berichtet Ali. Doch mit den Syrern habe man einfach nicht reden können. "Es gibt sicherlich bald eine Aktion, bei der die Polizei ein Cannabisfeld vernichtet", weiß Ali aus früheren Zeiten. Das werde dann gefilmt und sei auch im Fernsehen zu sehen. "Das war früher auch immer so, die Polizei kommt danach aber nicht mehr wieder." Die anderen Bauern, die von dieser Polizeiaktion nicht betroffen seien, würden nach der Ernte zusammen legen, um dann den Geschädigten zu unterstützen.

Alis Cannabis-Feld liegt direkt vor seinem heruntergekommen wirkenden Haus mit drei Zimmern. Sein 35 Jahre alter Renault hat auch schon bessere Tage erlebt. Seit der Cannabis ausgesät ist, trägt Ali jeden Tag seinen einzigen dunklen Anzug. Er ist bald wieder ein angesehener Herr. Das sagt Ali zumindest über sich selbst. Er hat studiert und spricht wie viele Libanesen fließend Französisch. Sein 18 Jahre alter Sohn Salim ist krank. Er liegt auf einer Matratze im Wohnzimmer, bekommt Medikamente über eine Infusion in seinen Arm. "Als ich dem Doktor und dem Apotheker erzählte, dass ich wieder Haschisch anpflanze, bekam ich sofort Kredit und Nabil wurde ordentlich behandelt. Sonst hätte sich der Doktor ohne Vorkasse wie immer geweigert." Jetzt aber wüssten Arzt und Apotheker, "dass ich bald ihre Rechnung bezahlen kann", sagt Ali.

Pflegeleichte Hanfpflanzen

Der Hanf-Anbau sei ganz einfach, berichtet Ali. Nach der Einsaat muss er nur alle 20 Tage das Feld bewässern. Das ist weniger als beim Gemüseanbau. Die Wasserpumpe und der Brunnen befinden sich am Rande des Feldes. Die eigentliche Arbeit beginnt nach der Ernte. Die ganze Familie arbeitet zwei Monate an der Aufbereitung des Haschisch von der dürren Pflanze in bräunliches Masse. Das Feld wird nach Schätzung Alis rund 200 Kilogramm Haschisch bringen. Wenn der Preis pro Kilo bei 200 Dollar bleibt, kommen 40 000 Dollar zusammen, in Libanon ein Vermögen. Das Durchschnittseinkommen liegt landesweit bei rund 600 Dollar im Monat.

Die direkten Aufkäufer sind Strohmänner von reichen libanesischen Geschäftleuten. Bei ihnen können die Bauern auch die Saat billig kaufen. Ein Teil des Stoffs geht in die Türkei, aber viel soll auch nach Israel geliefert werden. Es ist kaum zu glauben, die Grenze gilt als undurchlässig und wird von Israel mit durchgehenden Zäunen, Kameras und Soldaten aus Angst vor Terroristen streng bewacht. Ali aber betont, er wisse es ganz genau und sei sich ganz sicher.

Das Bekaa-Tal ist die fruchtbarste Region in Libanon. Der beste Wein des Landes kommt aus der Hochebene. In Baalbek, der Hauptstadt des Tales, sind die Tempel des Sonnengottes Helios, die berühmtesten antiken Ruinen des Landes. Baalbek gilt auch als Hauptstadt des Verbrechens in Libanon. Die Staatsgewalt in Beirut hat wenig Einfluss auf diesen Landstrich in dem Clanchefs, Drogenhändler und Feudalherren das Sagen haben. Drogenanbau, Erpressungen, Schmuggel, Waffenhandel und Autodiebstahl bringen ihnen viel Geld. Wenn ein Auto in Beirut gestohlen wird, kommt oft ein Anruf aus dem Bekaa, dass der Besitzer gegen Zahlung eines meist verhandelbaren "Lösegelds" sein teures Vehikel wieder irgendwo in den Schouf-Bergen abholen kann. Seit dem Mord an dem ehemaligen Regierungschef Hariri stiegen die Preise für Waffen kräftig an, viele Libanesen wollen sich bewaffnen und kommen aus Beirut zu den Waffenhändler ins Bekaa-Tal. Ein Kalaschnikow-Maschinengewehr kostet inzwischen 400 Dollar.

Hisbollah als Ordnungsmacht

Nach dem Abzug der Syrer ist die Hisbollah die einzig verbliebene, wirklich respektierte Ordnungsmacht im Bekaa. Die "Partei Gottes" bietet besonders im Südlibanon und im Grenzgebiet zu Israel soziale Leistungen wie Schulen und Krankenhäuser an. Auch wenn das Geld der Hisbollah aus Iran kommt, die Menschen, die davon profitieren, interessiert das zumeist recht wenig. Die Hisbollah mischt sich offenbar in das im Bekaa-Tal explosionsartig ausgeweitete Drogengeschäft nicht ein.

Ali ist eher ein Atheist, und trotzdem lobt er die Arbeit der "Gottespartei" im Bekaa-Tal. "Wer wirklich ein Problem hat hier", das steht für den Familienvater überhaupt nicht in Frage, "dem wird nur von der Hisbollah geholfen."

Quelle: von ERWIN DECKER, Frankfurter Rundschau, 08.06.2005

Artikel modifiziert Montag 6. März 2006 20:24, Erscheinungsdatum Montag 20. Juni 2005 18:12

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