Neue gesellschaftspolitische Aspekte zum Hanfkonsum
Man findet selten Autoren, die sich auf eine vernünftige und unabhängige Weise zum Drogenkonsum äussern. Wer sich ein wenig mit der einschlägigen Literatur beschäftigt, stellt schnell fest, dass immer wieder dieselben Autoren, seien sie nun aus dem Lager der Gegner oder der Befürworter, die gleichen Daten und Argumente vorlegen. Bei den Gegnern (in den meisten Ländern die Regierung) lautet die Parole "Drogen sind schlecht", was bei Befürwortern wiederum eine Gegenreaktion im Sinne von "Die Drogenprohibition ist schlimmer" hervorruft. Das Ganze erinnert an ein ständiges Ping-Pong und ist für alle Beteiligten unproduktiv.
Nun hat der US-Amerikaner Jacob Sullum, Herausgeber der Zeitschrift "Reason" (Vernunft) zur Feder gegriffen und versucht, in seinem neuen Buch "Saying Yes: In Defense of Drug Use" (leider erst auf Englisch erhältlich), die starren Fronten aufzuweichen. Mit seinen erfrischenden und einsichtigen Argumenten könnte dieser Autor wesentlich dazu beitragen, eine "Nein-zu-Drogen-Haltung" der infantilen Manier eines "Steck das nicht in den Mund!" aufzulockern und in rationalere Bahnen zu lenken. So wird z.B. der verbreitete Mythos, eine Droge hätte sozusagen die Macht, eine Person zu kidnappen und zu einem geistig und körperlich zerrütteten Süchtigen zu machen, als eine Art pharmakologisches Vodoo entlarvt. Mit solchen Mythen werden bei Eltern, Lehrern und Politikern tief sitzende Ängste geschürt. Emotionen übernehmen das Feld, die wirklichen Verhältnisse werden nur noch verzerrt wahrgenommen, wenn überhaupt!
(In den Medien lesen wir immer wieder Berichte vom "Kiffer-Elend" (es gibt angeblich Kiffer, die sich lieber einen Finger abhacken, als auf Cannabis zu verzichten; dies stand in einem Bericht vom "Tages-Anzeiger-Magazin") oder gar von Cannabisvergiftungen mit tödlichem Ausgang. Meist erscheinen solche Geschichten kurz vor wichtigen politischen Entscheidungen über die Cannabisfrage, was ganz klar auf ihre demagogische Funktion hinweist)
In Wirklichkeit führen die meisten Drogenkonsumenten ein genau so unauffälliges und anständiges Leben wie jeder andere Durchschnittsbürger. Nur ein kleiner Prozentsatz der Drogenkonsumenten wird im eigentlichen Sinne süchtig. Selbst die am meisten verpönten Drogen wie Heroin und Crack sind nicht annähernd so suchterzeugend, wie man uns das glauben machen möchte!
Warum nun gilt Cannabis als weiche Droge und wird weniger streng geahndet als z.B. Heroin und Crack? Wenn fast 30%(1) der Bevölkerung Erfahrungen mit dem Hanfkonsum haben, wird es doch etwas schwierig, das Bild eines von seiner Sucht zerfressenen Hanfkonsumenten aufrecht zu erhalten! Da die "harten" Drogen weit seltener konsumiert werden, ist es hier viel einfacher, ein falsches Stereotyp zu verbreiten.
Ein interessanter Aspekt der Drogendebatte ist auch, dass selbst intelligente und rationale Konsumenten sich schwer tun damit, ohne spezifische Gründe dem Drogenkonsum zu obliegen. Drogengenuss zum reinen Spass, das darf es offiziell nicht geben! Man hat entweder medizinische oder gar religiöse Gründe anzugeben. Diese Suche nach Entschuldigungen zeigt nur, wie der Drogenkonsum immer noch als sündig angesehen wird. Obwohl es auf der Erde nur ein einziges Volk gibt, das keine traditionellen Rauschmittel kennt: die Eskimos, bis ihnen der weisse Mann den Alkohol brachte. Der Mensch hat jedoch einen angeborenen Drang, sein Bewusstsein zu verändern und Zugang zu höheren Erkenntnissen zu erlangen und keiner sollte sich dafür schämen müssen.
Jacob Sullum ist der Meinung, dass wir die Unterteilung in "gute" und "schlechte" d.h. "illegale" Drogen dem medizinisch-pharmakologischen Establishment zu verdanken haben, das die nichttherapeutische Einnahme gewisser Drogen nicht tolerieren kann, weil nach seiner Ansicht mit einer Droge nur ein medizinisches Defizit behoben werden darf. Daher ist auch die Akzeptanz von Cannabis zu therapeutischen Zwecken viel grösser als zum Zwecke reinen Spasses oder einer Bewusstseinsveränderung. Mit anderen Worten: medizinische Therapie darf sein, Bewusstseinsveränderung und Spass aber nicht! Die therapeutische Indikation kann eine Droge akzeptabel machen, ja, sie kann sogar dazu benutzt werden, einem Menschen eine Droge aufzuzwingen, wie wir es im Falle des Ritalin (ein Amphetamin, also "speed") bei Schulkindern erleben.
Eine legitime Droge muss also einer offiziellen (medizinischen) Indikation genügen. Wieso eigentlich, da es doch genügend nichtmedizinische Gründe zum Einnehmen einer Droge gibt? Warum kann man nicht akzeptieren, dass Drogenkonsum einfach dazu dienen kann, sensibler zu werden, besserer Stimmung zu sein, einen lustigen Abend zu verbringen oder ein spirituelles Erlebnis zu haben? Sind das keine legitimen Gründe? Wozu benötigt man diese hierarchische Abstufung bei den Gründen zum Drogenkonsum?
Es steht ausser Frage, dass die zunehmende Medikalisierung und Pathologisierung natürlicher menschlicher Bedürfnisse und Vorgänge den Interessen des medizinisch-pharmakolgischen Komplexes entgegenkommt. Die Selbstverantwortung der Bürger wird an bestimmte Institutionen ("Experten") delegiert, welche ihnen dann vorschreiben, welche "Drogen" "legitim" sind und welche nicht.
Quellen: Jacob Sullum: Saying Yes: In Defense of Drug Use; www.counterpunch.org; G. Amendt: No Drugs, No Future, Europa Verlag 2003
Redaktion: HC/Hanf-Info Murten










