UN-Entscheidung: Das Kauen von Kokablättern bleibt verboten
Es ist bereits zwei Jahre her, dass der bolivianische Präsident Evo Morales die Bühne des UN-Sitzes in Wien bestieg. Drei kleine grüne Blätter trug er in der Hand. Er zeigte sie den anwesenden Delegierten und legte vor laufender Kamera eins davon in seinen Mund. Dann kaute er. Und ihm passierte nichts.
www.sueddeutsche.de 01.02.2011 CAMILO JIMÉNEZ
Die Blätter stammten von einer Kokapflanze aus seinem Heimatland. Dort praktizieren Millionen Indigene und Nicht-Indigene, Studenten und Arbeiter, täglich das coquear: Zuerst reißen sie einer Handvoll Blätter die harten Teile weg und formen daraus ein Bällchen, das sie acullico nennen. Der acullico kommt dann zwischen Wange und Zähne, daran kann man stundenlang kauen. In Bolivien schützt die Verfassung diese Praxis.
Mit seinem Auftritt von 2009 in Wien wollte Morales, der Koka privat anbaut und schon immer gekaut hat, zeigen, wie unsinnig jene Lehre ist, die das Koka-Kauen als gesundheitsschädlich und als Antrieb von Drogenproduktion sieht. Morales startete damals eine Aufklärungs-Kampagne, die ihm Schlagzeilen brachte, und die nun doch gescheitert ist. Am vergangenen Montag haben die UN-Mitgliedstaaten es abgelehnt, ihre Drogenkonvention zu ändern, und so bleibt das in allen Andenstaaten gebräuchliche coquear im Rest der Welt weiter geächtet. Dort ist es auch legal, was nun weiter der Konvention der UN widerspricht.
Die Aufhebung des Verbots blockierten vor allem Schweden, Großbritannien und die USA. Evo Morales und sein UN-Botschafter Pablo Solãn konnten die Gruppe der Koka-Gegner zwar reduzieren - Ägypten, Kolumbien und Somalia unterstützten eine Kehrtwende. Das reichte nicht. Das Koka-Kauen bleibt vorerst verboten. Die Maßnahme nannte Morales einen ’historischen Schaden’.
Dass die Weltgesundheitsorganisation 1995 im Verbrauch vom Koka-Blatt keine negativen Folgen feststellen konnte, scheint so unwichtig zu sein, wie eine weitere Tatsache: Seit Jahrhunderten kauen Indigene in Bolivien und Peru, Kolumbien und Ecuador, Chile und Argentinien die grünen Blätter. Unter der Bevölkerung gelten diese nicht nur als Symbol von Tradition, sondern auch als ein Genuss- und Mittel gegen Schläfrigkeit und Höhenkrankheit. Das Koka-Blatt ist in diesen Ländern weit verbreitet: Statt Kaffee trinkt man Sud aus Koka. Laut Weltgesundheitsorganisation haben die Blätter auch therapeutische Anwendungen.
Doch es ist vor allem Politik, welche die schwedische Ministerin für Jugend und Senioren, Maria Larsson, zu der Aussage brachte: Boliviens Vorschlag verberge ’das Risiko, ein Präzedenzfall zu werden, der den internationalen Maßnahmen für den Krieg gegen die Drogen zuwiderhandelt.’ Dahinter steckt eine Doktrin aus Washington des Jahres 1961. Als die UN-Drogenkonvention entstand, bastelte das Weiße Haus bereits an einem Konzept, um Machtansprüche in Lateinamerika zu rechtfertigen.
Jahre später verkündete Richard Nixon den Krieg gegen die Drogen. Dieser hat jedoch nur eins bedeutet: Blut. Trotz der Anstrengungen, die Kolumbien und Mexiko seit einem halben Jahrhundert unternehmen, wird heute mehr Kokain als vor zehn Jahren produziert. Und mehr Menschen sterben im Kampf der Kartelle als je zuvor. Das aber ist eine Frage der Politik und des Drogenkonsums der nördlichen Länder. Mit der Tradition des coquear hat das sehr wenig zu tun. CAMILO JIMÉNEZ










