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Eine anonyme Armee wütender, oft jugendlicher Protestler bläst seit Dienstag die Internetseiten von Weltunternehmen aus dem Web. Erfolge, aber auch Gegenmaßnahmen sorgen für steten Zulauf. Die Community ist berauscht von ihrer eigenen Macht - und sie lässt sich tatsächlich nicht aufhalten.
Es gehört zu den Filmklischees über Revolverhelden wie William H. Bonney alias Billy the Kid, dass sie sich für jedes ihrer Opfer in Memoriam eine Kerbe in den Colt-Griff schnitzten. Vielleicht taten das wirklich manche, denn das Verhalten scheint naheliegend: Derzeit ritzen sich alle paar Stunden einige Tausend wohl meist jugendlicher Internetnutzer Kerben in die virtuellen Colts.
Sie feiern höchst öffentlich ihre Abschüsse, und die tragen berühmte Namen: Mastercard und Visa, Joe Lieberman und Sarah Palin, Postfinance und Paypal. Aus dem Web geschossene Seiten sind hier gemeint, regelrecht abgeballert mit einer kleinen Software-Waffe, die von ihren Nutzern neckisch "Ionen-Kanone" genannt wird. Für 16.20 Uhr deutscher Zeit wurde der Beginn der Attacke auf Amazon.com terminiert. Es ist unwahrscheinlich, dass auch dieser Internetriese wanken wird - wenn, wäre es eine Sensation, bei der materielle Schäden entstünden.
Wie einst bei Billy the Kid gehen die Bewertungen dieser Taten weit auseinander. Für die einen sind die Distributed-Denial-of-Service-Attacken (DDoS), die seit Dienstag serienweise die Web-Seiten von Weltunternehmen in die Knie zwingen, kriminell. Für die anderen sind es rebellische Protestaktionen, die im Web teils frenetisch gefeiert werden.
Dass sie dabei die falschen Zeichen setzen, fällt anscheinend niemandem auf. Letztlich sind die Aktionen virtuelle Steinwürfe, Molotows, Akte des Vandalismus. Was sie vermeintlich adelt, ist das vorgeblich hehre Ziel: Kämen sie aus "falscher" Richtung (Staat, Behörden, Unternehmen), wäre das Geschrei groß.
Insofern sind die Aktionen vor allem der Ausdruck eines Herrschaftsanspruchs. "Wir sind das Web!", sollen die Attacken auf Mastercard und Co. zeigen. Und wer sich nicht nach "unseren" Regeln verhält, wird bestraft.
Wohlverhalten wird in dieser Logik zum "Schutzgeld" vor der Cyber-Attacke. Tatsächlich gruben gleich mehrere Twitterer in den Foren der "Operation Payback", die hinter den aktuellen Attacken steht, am Mittwoch Links zur "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace" aus, die John Perry Barlow 1996 mit so viel Pathos (und ganz anderen Intentionen) formuliert hatte:
"Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Lasst uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr."
Das Zitat zeigt die Perspektive der protestierenden Community: Es geht ihr um Selbstverteidigung und vermeintlich gerechte Strafe. Jeder neue Abschuss sorgt für frischen Zulauf. Die Wut über Gegenmaßnahmen oder negative Äußerungen über WikiLeaks oder die Payback-Attacken für noch mehr. Vermeintliche Erfolge wie das angebliche Einknicken des Unternehmens Paypal stacheln zusätzlich an. Die Schätzungen über die Teilnehmerzahlen an den DDoS-Attacken stiegen in den letzten 24 Stunden von vielleicht 1000 auf möglicherweise 4000 und mehr. Damit wären selbst gut abgesicherte Serverstrukturen nahezu mühelos zu überwältigen.
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