Ökologie: Die Verdrängung der Hanfpflanze durch Baumwolle führte am Aralsee zu einer ökologischen Katastrophe riesigen Ausmasses
Mit einer Fläche von 66900 km2 war der Aralsee noch 1960 einer der grössten Binnenseen. Dieser salzhaltige See war einst ein einzigartiges Naturgebiet mit einer reichen Vielfalt von Tieren und Pflanzen. Heute hat er noch eine Fläche von 24900 km2. Die Region um den See ist biologisch fast tot und die Menschen leiden an Krankheit und Hunger. Wie kam es zu dieser Zerstörung eines Lebensraumes?
Der Hauptgrund ist die Verdrängung der früher angebauten Faserpflanze Hanf durch riesige Baumwollplantagen!
Geographie und Bevölkerung
Der Aralsee liegt im Süden Kasachstans. Die Hauptzuflüsse Amur-Darja und Syr-Darja entspringen dem Pamir-Gebirge (7495 m). Diese beiden Flüsse speisten den Aralsee früher mit 67 km3 Wasser pro Jahr. In der Region um den Aralsee ist das Klima überwiegend sehr trocken, die jährliche Niederschlagsmenge beträgt nur ca. 20 cm (zum Vergleich Schweiz: 60-240 cm).
In den Wüsten und Wüstensteppen des Gebietes leben nur wenige Menschen; die Deltas und Ufer der Flüsse sind dichter besiedelt. Die Bevölkerung lebt vorwiegend vom Bewässerungsfeldbau (Baumwolle, Reis), seltener von der Tierhaltung (Ziegen, Karakulschafe).
Verschwenderische Bewässerungswirtschaft
Die Aralsee-Region ist wegen der ökologischen Verhältnisse für grosse Baumwollplantagen ungeeignet. Trotzdem wird dort schon seit dem 19. Jahrhundert eine verlustreiche Bewässerungswirtschaft betrieben. Seit 1960 wurde unter der sowjetischen Regierung die Anbaufläche der Baumwolle vervierfacht, mit entsprechend hohem Wasserverbrauch und gewaltigem Einsatz von künstlichen Düngemitteln, Herbiziden und Pestiziden.
Die Wasserversorgung geschieht über ein ausgedehntes Kanalsystem. Allein der Kara-Kum-Kanal entzieht den Zuflüssen des Aralsees jährlich 17 km3 Süsswasser. Ein grosser Teil geht infolge des schlechten Zustandes der Anlagen und der Verdunstung verloren.
Die Folgen für das Ökosystem
Der riesige Wasserverbrauch hat zu einem dramatischen Verlandungsprozess und zur Austrocknung des Sees geführt. So endet der Syr-Darja seit 1976 etwa 160 km von den Ufern des Aralsees entfernt in der Wüste. Der Amur-Darja bringt unter den günstigsten Bedingungen höchstens 10% seiner früheren Wassermenge in den See. Zusätzlich verschärft wird die Lage durch die negative Bilanz zwischen Niederschlag (max. 200 mm pro Jahr) und Verdunstung (1040 mm pro Jahr). Die Böden versalzen, der See trocknet aus. Insgesamt sind heute mehr als 40 000 km3 der Seeoberfläche verschwunden. Die starke Abnahme der Wassermenge hat zu klimatischen Veränderungen in der Grossregion geführt. Seit einigen Jahren macht sich ein zunehmendes Kontinentalklima mit verkürzter Wachstumszeit der Pflanzen bemerkbar. Die Winderosion wurde stärker.
Nach Einschätzung vieler Ökologen ist die Region um den Aralsee biologisch nahezu tot.
Die Folgen für die Menschen
Die Versalzung des Bodens und die starke Zunahme der Konzentration von Schadstoffen auf den bewässerten Feldern (z.T. bis zu einer Tonne pro Jahr und Hektar), z.T. auch bedingt durch die nun häufigeren Salz- und Sandstürme, hat die Qualität und den Ertrag der landwirtschaftlichen Produktion drastisch vermindert. Da Reis nur geringe Salzgehalte in Wasser und Boden verträgt, ist die Reisproduktion im Amur-Darja- und Syr-Darja-Delta nicht mehr möglich. Die Qualität der übrigen Produkte ist wegen des übermässigen Einsatzes von Pestiziden und Kunstdünger und der damit einhergehenden Belastung des Grundwassers und der Böden schlecht. Die Vergiftung der Lebensmittel ist seit Jahren auf einem unannehmbaren Niveau für Mensch und Tier.
Die Bevölkerung leidet infolge des verseuchten Trinkwassers und der vergifteten Nahrungsmittel zunehmend an epidemischen Erkrankungen, Vergiftungen und Mangelerscheinungen. 63% der Erwachsenen und 60% der Kinder sind krank. Die Zahl der Atemwegs- und Durchfallerkrankungen sowie die Fälle von Tuberkulose, Anämie, Krebs und Missbildungen bei Neugeborenen stieg zwischen 1989 und 1997 um 159%. Die Lebenserwartung liegt zwischen 38 und 40 Jahren, die Kindersterblichkeit beträgt 15%! Das öffentliche Gesundheitswesen ist seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fast zum Erliegen gekommen.
Die Rückführung des Gebiets um den Aralsee auf den Zustand von 1960 wird von Wissenschaftlern als ausgeschlossen erachtet. Ein solcher Prozess würde Jahrhunderte dauern. Das momentane Ziel kann nur sein, die weitere Verlandung zu stoppen, das Ökosystem zu stabilisieren und der kranken und Not leidenden Bevölkerung zu helfen.
Seit 1997 engagiert sich dort Ärzte ohne Grenzen, um vor allem die Tuberkulose-Epidemie zu bekämpfen. Ihre Möglichkeiten sind jedoch beschränkt.
Verschiedene internationale Forschungsinstitutionen (deutsche Forschungsgemeinschaft, das Centre National de la Recherche Scientifique CNRS, und INTAS, die International Association for the promotion of cooperation with scientists from the new independant states of the former Soviet Union) haben gemeinsam zur Ausarbeitung von Projekten für die Rettung des Gebietes um den Aralsee aufgerufen.
Bevor der Grössenwahn und die Unkenntnis politischer Funktionäre den überdimensionierten Baumwollanbau erzwangen, wurde in der Aralsee-GEgend seit Jahrhunderten eine Faserpflanze angebaut, die keine künstlichen Dünge-und Pflanzenschutzmittel benötigt: der Hanf.
Es ist zu hoffen, dass die landwirtschaftlichen Hilfsprojekte auch den erneuten Anbau von Hanf einschliessen; nicht zuletzt weil die Hanfpflanze imstande ist, wesentlich zur Entgiftung stark verseuchter Böden beizutragen (mindestens 1% der Schadstoffe pro Vegetationsperiode).

- Der Aralsee vor und nach der Zerstörung
S. auch: Bilder aus UN-Umweltatlas 2005
Redaktion: Heidi Cervantes-Kläusli
P.S.
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